Vielfalt oder Nische?

Festivals boomen. Kaum eine Stadt, die nicht ihr eigenes Filmfest hat, kaum ein Thema oder eine Gegen dieser Welt, die nicht als Motto für eine eigene Filmschau dient. In den jüngsten zehn Jahren hat sich die Zahl der Filmfestivals auf der Welt vervierfacht! „Schäzungsweise 8.000“ Filmfestivals haben sich inzwischen weltweit miteinander vernetzt, sagt die Medienwissenschaftlerin Tanja Krainhöfer. „Vier oder fünf” wären genug, meinte schon 2010 der Regisseur Werner Herzog. Da ging der Boom erst los. In diesem Jahr war das Phänomen schon für einige Zeitungsartikel gut. Da wurde gestaunt und auch ein bisschen gelästert, doch eingehender hatte sich bisher keiner damit beschäftigt: Was soll das Alles?

Das holten nun Crew United und das Filmfest Hamburg nach und ließen im Festivalzelt auf dem Podium diskutieren. Einen Überblick lieferte Krainhöfer mit einem kurzen Vortrag. Die Medienwissenschaftlerin sieht die „Festivalflut” offenbar entspannter als Herzog, der Regisseur. Gleich zum Einstieg wies sie darauf hin, dass gerade eben auf Rügen ein weiteres Festival seine Premiere hatte. Rügen und Film, da vermute mancher eher Tourismuswerbung, sagte Krainhöfer. Aber: „Warum auch nicht?“ Schließlich hatte der ganze Zauber einst in Venedig begonnen, als Werbeveranstaltung eines Hotels. „Nicht immer“ sei die Gründung eines Festivals der Liebe zur 7. Kunst geschuldet gewesen. Der Großteil aber werde von Menschen getragen, die das Kino lieben. „Und jedes einzelne Teilchen spielt in der Summe eine Rolle.“

Krainhöfer hat Festivals in Deutschland nach ihrer Motivation befragt. Drei Erklärungen führte sie an: Die Alternative zur kommerziellen Filmerfahrung. Die Stärkung der Filmkultur auf dem Lande fernab der Metropolen. Interkulturelles Verständnis zwischen Nationen – dafür sei Film das beste Medium.

Längst ginge es nicht mehr nur ums Filmeschauen: Festivals hätten sich zu einem eigenen Vertriebskreislauf entwickelt, seien Faktoren mit „herausragender Wirkung“ für Wirtschafts-, Kultur-, Bildungs-, Medien- und sogar Außenpolitik. Und sie ziehen jedes Jahr mehr Zuschauer an: Während im Kino die Zahlen zurückgehen. 178 Millionen Kinobesucher waren es 2001, voriges Jahr nur noch 117 Millionen – ein Drittel weniger.

Die Entwicklungen in Gesellschaft und Technik (Stichwort Digitalisierung) allein reichen nicht aus, um das rapide Wachstum in der Festivallandschaft zu erklären. Vier weitere, „filmwirtschaftliche“ Gründe findet Krainhöfer:

  1. Die Programmkinos sind seit dem Aufstieg der Multiplexe immer weniger geworden.
  2. Weltweit werden immer mehr Filme gedreht.
  3. Was gedreht wird, will auch gezeigt werden.
  4. Festivals sind „Impulsgeber“ für die Filmwirtschaft – längst kreisen um die großen Filmfeste Stoffbörsen, Filmmärkte, Koproduktionsforen und mehr.

Tatsächlich ist seit der Jahrtausendwende die Zahl der Kinostandorte in Deutschland von 1071 auf 892 gesunken. Während die hiesige Kinolandschaft noch von Hollywoodproduktionen beherrscht wird, sieht die Welt schon ganz anders aus – inzwischen wird nicht nur in Indien, sondern auch in China jährlich mehr gedreht, Südkorea hat Deutschland überholt. Wie sollten die Kinos das bewältigen können? Im normalen Programm ist von den neuen Verhältnissen kaum etwas zu sehen, auch die Arthouse-Kinos zeigen sie nicht wirklich, Festivals lassen es zumindest ahnen.

Dabei sind sie mehr als Sneak Previews für Filmliebhaber oder Werbeveranstaltungen für Filmhändler. Viele Werke tingeln über die Festivals dieser Welt und begeistern volle Säle, während sie im Kino keinen Platz oder Publikum finden. Noch sei sich die Branche dieser Rolle nicht richtig bewusst. Die Statistiken der Filmförderungsanstalt (FFA) etwa zählen nur die Besucher in den Kinos, nicht die der Festivalvorführungen. Krainhöfer appellierte daher an die Verleiher, auch diese Zahlen an die FFA zu melden. Ihre These: Die Filmwirtschaft jenseits des Mainstreams können gar nicht ohne Festivals auskommen. Also auch das Europäische Kino.

Torsten Frehse war diese These zu steil. Der Geschäftsführer des Verleihs Neue Visionen kommentierte auf dem Podium die Zahlen aus seinem Blickwinkel: Anderthalb bis zwei Millionen Zuschauer brächten die deutschen Festivals zusammen auf, „inklusive Berlinale“ – dagegen stünden eben die 117 Millionen Kinobesucher im vorigen Jahr. Konkreter: 1,4 Millionen Zuschauer erreiche Neue Visionen mit ihren Filmen – nur 20.000 davon auf Festivals.

Es dauert wohl noch, bis Festivals tatsächlich ein eigener Weg zum Publikum sind, gar eine Art analoges Netflix mit richtigem Filmerleben. Endgültige Antworten wurden an dem Abend nicht gefunden. Das hatte auch keiner erwartet. Vielmehr ging es ja darum, das Thema überhaupt mal auf die Bühne zu bringen, meinte Moderator Rüdiger Suchsland.

Anstöße für weitere Runden wurden während der regen Diskussion jedenfalls reihenweise gefunden. Da vermisst etwa Frehse oft die Zeit und Orte für tatsächliche Gespräche, „dass alle zusammenstehen und über Filme reden.“

Oliver Baumgarten, Mitgründer von Filmplus und Programmleiter beim „Max-Ophüls-Preis“ sieht Festivals als Ergänzung zum Arthouse-Kino, wo mancher Film seinen Verleih findet.

Frédéric Jaeger lobt die Vielfalt, die in der Festivallandschaft gepflegt werde – während doch die Filmförderungsanstalt (mit Zustimmung der Kinobetreiber) mit ihren neuen Leitlinien so ziemlich das Gegenteil ansteuere.

Skadi Loist, Festivalforscherin an der Universität Rostock mahnte ans Geld: Festivals müssten so ausgestattet werden, dass sie ohne freiwillige Selbstausbeutung unzähliger Filmliebhaber auskommen könnten. Denn auch Kuratoren lebten nocht selten unter prekären Umständen. Einen ersten Fortschritt konnte sie bei der Gelegenheit auch melden: Seit September gibt es bei der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) eine Gruppe der Festivalmitarbeiter. Loist nutzt die Gelegenheit zum Appell, sich zu organisieren – „Verdi kostet nicht viel.“

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Intendantenwechsel bei Filmplus

Die neue alte Leitung bei Filmplus: Kyra Scheurer (von links) ist fast von Anfang an dabei, Jenny Krüger (rechts) verantwortet schon seit drei Jahrne die Organisation. Auch Dietmar Kraus (Mitte) ist kein wirklicher Neuling; der Editor war lange begeisterter Besucher und ist im Vorstand seines Berufsverbands.

Die neue alte Leitung bei Filmplus: Kyra Scheurer (von links) ist fast von Anfang an dabei, Jenny Krüger (rechts) verantwortet schon seit drei Jahrne die Organisation. Auch Dietmar Kraus (Mitte) ist kein wirklicher Neuling; der Editor war lange begeisterter Besucher und ist im Vorstand seines Berufsverbands. | Foto © Filmplus

Das Konzept ist einzigartig: Bei Filmplus stehen drei Tage lang die Editoren im Mittelpunkt. Seit diesem Jahr steht das Festival für Filmschnitt und Montagekunst unter neuer Leitung.

Frau Scheurer, Herr Kraus, dieses Jahr tritt Filmplus mit einem neuen Team an. Wird nun alles anders beim Festival für die Kunst der Filmmontage?

Kyra Scheurer: Ganz so dramatisch ist der Wechsel nicht. Nikolaj Nikitin und Oliver Baumgarten hatten Filmplus 2001 gegründet. Sie haben sich Ende 2016 zurückgezogen, um sich anderen Projekten zu widmen. Somit gibt es ein neues Gesellschafter-Trio, doch Jenny Krüger ist bereits seit drei Jahren für die Organisation verantwortlich; ich selbst bin seit 2003 bei Filmplus dabei, seit 2009 als künstlerische Leiterin. Ganz neu ist lediglich Dietmar Kraus als dritter Gesellschafter und Nachfolger von Oliver Baumgarten als künstlerischer Leiter des Spielfilmwettbewerbs. Als Filmeditor kennt er sich bestens mit den Themen des Berufsstandes aus. Auch unsere weiteren Mitarbeiter Werner Busch und Pascal Maslon sind schon seit einigen Jahren dabei. Und schließlich haben wir ja seit den frühen Stunden von Filmplus vier Partner, die uns nicht nur als Preisstifter weiterhin unterstützen: die Film- und Medienstiftung NRW, das Kulturwerk der VG Bild Kunst, das Land Nordrhein-Westfalen und die Stadt Köln. Man kann hier also ruhig von Kontinuität sprechen.

Dietmar Kraus: Ich habe Filmplus seit 2007 als begeisterter Besucher miterlebt. Es war für mich immer so eine kostbare Insel in Köln, wo dreieinhalb Tage lang wir Editoren im Mittelpunkt stehen. Europaweit ist es die einzige Veranstaltung, die sich so intensiv der Filmmontage widmet und zudem hochkarätige Preise für den Schnitt verleiht.

Sie haben Anfang des Jahres eine Umfrage gestartet, was gut ist an Filmplus und was besser werden könnte. Was kam dabei herausgekommen? Weiterlesen

Dietmar Kraus: Die Zufriedenheit ist groß. Wir hatten für eine Veranstaltung unserer Größe und Spezialisierung viele Antworten erhalten, und die vielen positiven Reaktionen haben uns darin bestätigt, dass wir keine radikale Neuausrichtung des Festivals anstreben. Wir wollen uns mit jedem Jahr weiterentwickeln, aber Filmplus wird in seiner Grundkonzeption kein anderes Festival werden. Es geht uns darum, auf den bereits bestehenden Stärken aufzubauen.

Kyra Scheurer: Dieses Jahr wird meine 15. Veranstaltung; seit Jahren präge ich das Programm maßgeblich mit. Ich freue mich, gemeinsam neue Impulse zu geben. Es hätte uns aber schlicht überfordert, alle neuen Ideen gleich im ersten Jahr umsetzen zu wollen. Erst mal war es wichtig, die gute Vertrauensebene zu unseren Partnern und Sponsoren zu erhalten und ihnen zu zeigen, dass alles verlässlich weiterläuft.

Es gibt also keine dramatischen Änderungen?

Kyra Scheurer: Es wird sicherlich kleine Änderungen geben, aber das ist eher wie im Theater bei einem Indendantenwechsel: Die eigentlichen Veränderungen werden erst gut ein Jahr nach Bekanntgabe eines Führungswechsels sichtbar, man braucht einfach Vorbereitungszeit für die eigenen Akzente – und in den Ideen, die wir drei haben, hat uns schöner Weise auch indirekt die Evaluation bestätigt.

Wollen Sie von diesen Zukunftsideen schon etwas verraten?

Kyra Scheurer: Zum einen wollen wir den Bereich Weiterbildung ausbauen. Wir bieten bereits seit drei Jahren mit Doxs! die Schulvorführungen „Schüler auf Montage“ an. Und mit der Internationalen Filmschule Köln (IFS) laden wir quartalsweise zu IFS-Begegnungen mit Editoren ein, die über ihre neuen Arbeiten sprechen. Filmplus selbst würden wir gerne ab 2018 mit Workshops im Umfeld des Festivals ergänzen.

Dietmar Kraus: Zum anderen wollen wir unseren internationalen Programmteil noch ausbauen. Wir haben ja schon seit einiger Zeit jedes Jahr ein Gastland; im vorigen Jahr war das Frankreich. Seit vorigem Jahr gibt es ergänzend dazu auch ein internationales Panel. Wir können uns da für die kommenden Jahre noch mehr vorstellen. Es darf allerdings den Rahmen der bestehenden Filmplus-Strukturen nicht sprengen.

Wird es dazu einen weiteren Preis geben?

Kyra Scheurer: Nein, erst mal ist das nicht geplant. Natürlich träumen wir von einer Veranstaltung über die Grenzen hinweg, gar für ganz Europa. Es gibt bereits jetzt einen internationalen Runden Tisch, mit Delegierten von Verbänden verschiedenster europäischer Länder, die sich jährlich unter unserer Moderation während Filmplus treffen und beraten. Aber für einen europäischen Schnittpreis fehlen noch die personellen und finanziellen Voraussetzungen. Das kann höchstens eine langfristige Perspektive sein.

Wie haben Sie die Arbeit aufgeteilt?

Kyra Scheurer: Jenny verantwortet weiterhin die Organisation, ist unsere Vertreterin in filmpolitischen Kölner Initiativen wie Kino Aktiv oder den Kölner Kinonächten und ist vor allem seit diesem Jahr die neue Geschäftsführerin. Dietmar kuratiert den Spielfilmwettbewerb und das internationale Panel und koordiniert die Zusammenarbeit mit der Berufsvereinigung Filmton, die Filmplus mit einem Panel zur Tongestaltung bereichert. Werner Busch ist Kurator der Hommage-Reihe und betreut den internationalen Gastland-Abend. Ich verantworte den Dokumentar- und den Kurzfilmwettbewerb und kuratiere den jährlichen Themenschwerpunkt. Außerdem koordiniere ich die Zusammenarbeit mit Docx! und das Branchenspeeddating. Gemeinsam übernimmt das Führungsteam aus Dietmar, Jenny und mir noch allgemeine Aufgaben der künstlerischen bzw. organisatorischen Leitung, also die Kontaktpflege zu unseren Partnern und Förderern, die Schnittstellen und Supervision von Aspekten wie Grafik und Pressearbeit, die Akquise möglicher neuer Verbündeter, die Zusammenarbeit mit Filmhochschulen und natürlich die Entwicklung von inhaltlichen Perspektiven und Programmneuerungen.

Wie wählen Sie die Wettbewerbsfilme aus?

Dietmar Kraus: Das Nominierungsverfahren ist dreistufig: Als erstes reichen Editoren, Verleiher, Produzenten oder Regisseure ihre Filme ein. Das waren in diesem Jahr etwa 50 pro Langfilmsektion. Bei den Kurzfilmen hatten wir dieses Jahr etwa 120 gültige Einreichungen. Das sind ähnlich viele auswahlfähige Filme wie in den letzten Jahren; es gab aber deutlich weniger Einreichungen, die nicht unseren Regularien entsprechen. Das haben wir einer kleinen Neuerung zu verdanken: Wir haben eine eher symbolische Anmeldegebühr von acht Euro eingeführt. Offenbar werden nun die Regularien aufmerksamer gelesen!
Die zweite Auswahlstufe erfolgt dann im Filmplus-Leitungsteam, das heißt, wir wählen jeweils 15 Filme pro Sektion für die Vorjury aus. Die besteht aus versierten Kinoeditoren und nominiert für jede Sektion jeweils fünf Filme. Alle werden bei Filmplus gezeigt, einschließlich Filmgespräch mit den Nominierten. Dann entscheidet die gewerkübergreifend zusammengesetzte Hauptjury die Preisträger.

Wie ist die Sichtung, wenn man selbst das Metier betreibt?

Dietmar Kraus: Das war tatsächlich für mich eine brenzlige neue Erfahrung, denn ich musste bei der Vorauswahl ja ein Urteil fällen über Filme von teils sehr renommierten Kollegen, die ich seit langem schätze. Und dazu gab es dann gerade in diesem Jahr auch viele tolle Arbeiten von jüngeren Editoren zu entdecken.

Kyra Scheurer: Die Sichtungen sind natürlich auch anstrengend, und es ist oft schwierig, aus der Fülle der eingereichten Langfilme wirklich nur 15 auszuwählen. Dafür ist in diesem Jahr eine wunderbare Bandbreite verschiedenster Filme, aber auch Montagestile in unseren Wettbewerben zu finden.

Dietmar Kraus: Wir haben unter den Nominierungen tolle Filme von Frauen …

Das ist bei der Filmmontage aber keine große Überraschung.

Dietmar Kraus: Bei der Montage vielleicht, aber ich meinte die Regie, und da ist es leider immer noch ungewöhnlich. Das war kein Auswahlkriterium, wir haben das erst nach dem Nominierungsprozess festgestellt: Es gibt unter den Wettbewerbsfilmen in diesem Jahr viele Beiträge, wo nicht nur die Montage, sondern auch die Regie weiblich besetzt ist – bei jeweils drei der fünf Dokumentar- und Spielfilme … Dass dieses ein besonders starker Jahrgang für Regisseurinnen ist, hat ja schon der „Deutsche Filmpreis“ gezeigt. Da freut sich die Initiative Pro Quote Regie. Mal sehen, ob das wirklich eine Trendwende ist oder ein Ausnahmejahr bleibt.

Filmplus vergibt auch Ehrenpreis fürs Lebenswerk; da könnte man auch über die Quote diskutieren: Unter den bisherigen 15 Preisträgern sind nur drei Männer.

Dietmar Kraus: Der Filmschnitt war in Deutschland tatsächlich lange Zeit ein „Frauenberuf“. Erst die Digitalisierung hat das verändert: Inzwischen ist das Verhältnis der Mitglieder im Bundesverband Filmschnitt etwa 45 Prozent Männer und 55 Prozent Frauen. In den USA gab es schon viel früher ein anderes Geschlechterverhältnis, vielleicht auch, weil der Beruf dort ein höheres Ansehen genießt. Der „Oscar“ für den besten Schnitt ging seit seinem Bestehen vornehmlich an Männer …

… 97 Männer wurden in der Kategorie bislang ausgezeichnet, nur 13 „Oscars“ gingen an Frauen, drei davon allein an Thelma Schoonmaker, die Stammeditorin von Martin Scorsese.

Dietmar Kraus: Das ist ziemlich bedrückend. Beim „Deutschen Filmpreis“ für den besten Schnitt sieht es besser aus; da ist das Verhältnis etwa 50:50. Was aber auch nicht das historische Ungleichgewicht in Deutschland widerspiegelt: Wer hat hierzulande den Filmschnitt geprägt? Das waren nun mal vor allem Frauen. Über die Jahre wird sich aber das Verhältnis unserer Ehrenpreisträger ganz von selbst ändern.

Wird’s in diesem Jahr demnach wieder eine Frau?

Kyra Scheurer: Ja, Inge Schneider, eine für den deutschen Kinodokumentarfilm ganz prägende, besonders in der Montage von Charakterporträts sehr sensible Editorin. Sie ist in der DDR aufgewachsen und hat in Babelsberg Filmschnitt studiert, arbeitete dann seit Anfang der 1980er-Jahre als Editorin an der DFFB in Westberlin, kennt also beide Systeme und deren Montageausbildungen. 2004 hat sie für Die Spielwütigen unseren ersten Schnitt-Preis Dokumentarfilm gewonnen und verkörpert ideal, worum es uns mit unserer Hommage geht: den Kontakt zwischen den Generationen. Filmplus läuft vom 13. bis 16. Oktober in Köln.

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cn-klappe: Das Ende des medialen Lagerfeuers

Wie wird sich das Fernsehen in den kommenden Jahren entwickeln? Wie wird es uns als Kreative, Künstler und Macher des Programms entwickeln? Und wohin?

Eine Podiumsdiskussion der Deutschen Akademie für Fernsehen (DAFF) im Rahmen des Filmfestes München. Auf dem Podium waren vertreten:

Kai Wiesinger (Autor, Produzent, Regisseur & Schauspieler der Web-Serie „Der Lack ist ab“)

Susanne Rath (Geschäftsfeldleiterin AV- und Produktionssysteme beim Institut für Rundfunktechnik)

Katharina Uppenbrink (Geschäftsführerin Initiative Urheberrecht)

Thomas Sessner (Redakteur beim BR)

Phillip Klausing (Head of Production von Pantaleon Films, verantwortlich für die Amazon-Serie „You Are Wanted“)

Es moderierte Jochen Greve, Drehbuchautor und Vorstand der DAFF.

 

Der Videobeitrag gliedert sich in folgende Kapitel (in der Ecke links oben anklickbar):

Intro

Kapitel 1: Status Quo: Das Fernsehen im digitalen Zeitalter

Kapitel 2: Quo Vadis: Faire Spielregeln auf dem digitalen Markt

Kapitel 3: Prognose: Das Wissen um den User

Kapitel 4: Publikumsdiskurs

Abspann & Dankeschön

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Daniele and the talented Mr. Rizzo

Von Emma Stone über Johnny Depp – „Daniele and the talented Mr. Rizzo“ bringt sie alle zum Staunen und Lachen. In ausgefallenen Kostümen kreiert er witzige Interviews. Selbst die Stars können sich seinem Charme nicht entziehen. | Foto © Marie Schmidt

Von Emma Stone über Johnny Depp – „Daniele and the talented Mr. Rizzo“ bringt sie alle zum Staunen und Lachen. In ausgefallenen Kostümen kreiert er witzige Interviews. Selbst die Stars können sich seinem Charme nicht entziehen. | Foto © Marie Schmidt

Von Emma Stone über Johnny Depp – „Daniele and the talented Mr. Rizzo“ bringt sie alle zum Staunen und Lachen. In ausgefallenen Kostümen kreiert er witzige Interviews. Selbst die Stars können sich seinem Charme nicht entziehen. Auf seiner Couch tummeln sich regelmäßig Hollywoods schönste Frauen und Superhelden. Damit erreicht ein Video schon mal eine Reichweite von über einer Million Klicks („Conjuring 2“ etwa). Auf der Berlinale moderierte er in diesem Jahr erstmals den „Internationalen Wettbewerb“. Auch beim Web-Comedy Format „Comedy Rocket“ darf man den Ruhrpottler seit 2015 regelmäßig in Aktion sehen. Sein Talent wurde 2017 mit Nominierungen beim Webvideopreis und beim Goldene Kamera Digital Award belohnt. Neben Comedy ist Danieles Leidenschaft die Schauspielerei. So war er bereits für „Alarm für Cobra 11“ oder den Horrorfilm „Stung“ vor der Kamera. Aktuell arbeitet er außerdem für Super RTL bei der Sendung „Einfach tierisch“ sowie als Außenreporter bei „Woozle Goozle und die Weltentdecker“. Für uns plaudert das Multitalent aus dem Nähkästchen. Daniele erzählt, wie er gleichzeitig als Schauspieler und Kreativer im Internet unterwegs ist, und wie es so ist, regelmäßig Hollywoods Sternchen zu belustigen.

Daniele, wie kamst Du zur Schauspielerei?
Ich kam damals mit der großartigen Ausrede, Jura zu studieren, nach Köln, zu der Zeit als RTL und Viva boomten. Und ich erinnere mich noch an meine erste Erfahrung vor Ort: Ich war bei einem offenen Casting, was überhaupt nicht funktioniert hatte. Da stand ich nun neben Oli Pocher. Die haben die Kamera ein Mal herumgeschwenkt. Von den 200 Kids, die da standen, wurden 10 genommen. Ich war natürlich nicht dabei. Wenn ich heutzutage in die Studios gehe, muss ich immer noch darüber lachen. Neben meinem Studienplatz hatte ich einen Praktikumsplatz bei Radio Köln in der Tasche und konnte beim Theaterstück „Die Zauberflöte“ vom Jugendclub mitmachen. Immer, wenn ich mal einen Tag freihatte, habe ich herumtelefoniert und nachgefragt, ob ich Komparserie machen könnte. So habe ich die Branche kennengelernt und festgestellt: Sie ist genauso bekloppt und funktioniert wie jede andere Branche: Jemand hat einen Fußball und entscheidet, wer mitspielen darf oder nicht. Weiterlesen

Wie kamst Du von der Komparserie in den Webvideobereich?
Eine Zeit lang kam ich von der Komparserie zu kleinen Castings und auch zu kleinen Rollen. Und ich habe schnell gemerkt, dass Folgendes passiert: „Ach, ein Italiener? Wir haben im Moment leider keine Espresso- oder Pizzaverkäuferrolle.“ Das ist auch 2017 immer noch so. Deshalb wusste ich: Ich muss mein eigenes Ding machen. Ich will nicht die nächsten zehn Jahre auf eine Espressoverkäuferrolle warten, also habe ich diese Interviews in Hollywood gemacht. Sony Pictures hatte mich das erste Mal zu einem Interview zum Kinofilm „Superbad“ eingeladen – die Highschool Komödie mit Michael Cera und Jona Hill. Nachdem ich da gut performt hatte, bekam ich Adam Sandler.

War Adam Sandler der erste große Interviewpartner?
Das war so der erste große Star. Man hatte mir die Möglichkeit gegeben, auf dem roten Teppich Interviews mit Hollywood-Sternchen zu machen. Durch eine Rolle im Reich-Ranicki-Film hatte ich damals eine Boyband-Frisur, die mich aussehen ließ wie Adam Sandler in „Leg dich nicht mit Zohan an“. So entstand zum ersten Mal das Konzept, dass ich einen Schauspieler in seiner eigenen Rolle antreffe, und zusammen mit etwas Improvisation hat das gut funktioniert. Nachdem ich Adam Sandler hatte, bekam ich irgendwie auch weitere Interviewpartner und konnte bei dem Konzept bleiben. Und so öffnete sich plötzlich eine neue Welt. Die Amerikaner denken, ich sei Thomas Gottschalk, Stefan Raab und der deutsche Jimmy Kimmel. Und für die Deutschen bin ich weiterhin nur der Daniele Rizzo (lacht).

Also war es Deine eigene Idee, die Interviews so witzig zu gestalten?
Genau, ich hab ein bisschen „funny bones“, und man muss sich ja mal klarmachen: Die werden dafür bezahlt, dass sie ertragen, dass man ihnen 500 Mal dieselbe Frage stellt. Ich geh da sozusagen schon wie ein Clown rein. Und beide gehen am Ende mit einem lachenden und einem blauen Auge raus, denn manchmal bin ich auch ein bisschen frecher, als ich eigentlich sein darf. Aber da reichen wir uns die Hand, denn auch sie bewegen sich in ihrer Rolle. Ihr Privatleben interessiert mich nicht, das ist für mich tabu, weil es in der Rolle nicht vorkommt. Deswegen kann man sich auf der einen Seite zurücklehnen und auf der anderen Seite ist es eine spannende Abwechslung.

Es ist ja so schwer, in den USA an Agenten und Manager ranzukommen. Wie umgehst Du das? Sprichst Du sie selbst an?
Mittlerweile ist es tollerweise sogar so, dass man für mich spricht. Die Kinoverleiher fragen mich an und es ist mir sogar schon passiert – und da war ich wirklich baff – dass ein Schauspieler meinte: „Ich kenn dich.“ Er hatte von Emma Stone das Video bekommen und sagte: „If you go to Germany, you have to meet this guy.“ So etwas spricht sich rum. Es sind ja oft die gleichen Agenten. Das ist so ähnlich wie in Deutschland: Wenn man einmal Matthias hatte, dann spricht es sich rum. Und dann hat man Jürgen und Til, und die wissen: Jetzt kommt gleich Daniele, jetzt können wir Spaß machen.

Die Stars kommen also inzwischen zu Dir. Hat denn noch jemand Einfluss auf Deinen Content oder kannst Du da immer noch Dein eigenes Ding durchziehen?
Bei der Kreativität gibt es keine Einschränkungen. Seit Kurzem gibt es aber einen Produktdesigner namens Max Neumeyer. Und der bastelt mir so tolle Kostüme. Also wenn das Kostüm fantastisch aussieht und eine Funktion hat wie wackelnde Ohren oder Greifarme, dann hat es Max gemacht. Bei mir sind sie ja meistens nur zusammengeschustert aus Kram aus dem Bauhaus oder Karnevalsladen.

Neben den Kostümen – was würdest Du sagen, ist die Geheimzutat, wie man Stars zum Lachen bringt? Bist Du selbst nicht nervös?
Ich glaube, man muss erstmal locker sein. Das ist die Hauptsache. Ich habe von klein auf schon von meinen Eltern gelernt, dass alle Menschen gleich sind und ich alle mit dem gleichen Respekt behandeln soll. Und mit eben diesem gleichen Respekt vor allen stelle ich mich der Situation. Daher bin ich nicht nervös und mache mir nicht ins Hemd, egal wer da vor mir sitzt. Dann kann man auch lockerer sein und aus einem drögen Interview ein dynamisches Gespräch entwickeln und dabei lustig sein.

Passieren hinter den Kulissen spannende, unerwartete Dinge oder haben sich für Dich durch Dein Interviewformat irgendwelche neuen Türen geöffnet?
Als ich mit den Interviews anfing, war ja so ein bisschen die Hoffnung zu sagen: „Hey, ich bin hier, ich bin lustig, ich bin cool, nehmt mich doch im nächsten Film mit!“ Bei meinem letzten Interview zu „Valerian“ hat beispielsweise Luc Besson gesagt: „Beim nächsten Film bist du dabei – bleib genau so, das ist super.“ Tatsächlich ist es so, dass man immer noch ein bisschen quatscht, wenn die Kamera aus ist, und da entstehen lustige Gespräche. Auch immer witzig ist, wenn ich auf Toilette bin, um mich umzuziehen oder zu schminken, und es kommt ein Interviewpartner, der auch auf Toilette muss und wird dann vorzeitig von mir im Kostüm überrascht – dann wird schon viel gelacht.

Gibt es noch jemanden, den Du besonders gerne mal interviewen möchtest?
Klar, also ganz oben auf meiner Liste sind die ganzen Italo-Amerikaner: Robert De Niro und Al Pacino. Pacino selbst hat ja als Comedian angefangen. Das zeigt, dass Comedy und Timing einem als Schauspieler sehr viel bringen können. Denn in jede Geschichte gehören Liebe, Witz und Humor. Die Menschheitsgeschichte ist voll mit Humor, auch in Momenten, in denen man vielleicht nicht lachen sollte.

Du hast ja auch zwei Gesichter: Der ernste Schauspieler und der lustige Interviewer. Wie lassen sich diese beiden Welten vereinen?
Für mich persönlich total einfach, faktisch bei der Arbeit manchmal schwierig. Denn es gibt manchmal Vorurteile und gegen die muss man einfach versuchen anzukämpfen. Teilweise sage ich schon: „Schickt bitte nur bestimmtes Material und Fotos und verschweigt, was ich sonst noch so mache.“ Einige googeln es trotzdem und finden es fantastisch – andere haben dann eine Comedybrille auf und kriegen mich da auch nicht mehr raus. Dafür gibt es kein Geheimrezept. Ich nehme Comedy auch sehr ernst, denn ich finde es unrealistisch, wenn man einen Film macht, in dem nicht gelacht wird. Humor liegt in unserer Natur. Ich finde manchmal schade am deutschen Film, dass versucht wird, alles möglichst ernst darzustellen, das wirkt dann eher unrealistisch.

Du bist bei zwei Agenturen – Barbarella und hb management. Wie funktioniert das?
Es ist tatsächlich manchmal nicht ganz einfach. Vor allem das mit den Interviews ist eine sehr personenbezogene Geschichte. Nur manchmal ist es mit viel Kommunikation verbunden, wenn viele Termine aufeinanderprallen. Das Team von Barbarella ist eher für den ernsten Teil zuständig, Heidrun Buchmaier von hb management betreut die „Kasper“, wie sie selbst als Hessin immer so schön sagt. Manchmal kriege ich sehr spontane und vage Anfragen, beispielsweise, ob ich mal eben nach New York fliegen kann für einen Interviewpartner, der erst mal geheim bleibt. Aber dieses Jahr habe ich es hingekriegt, immer direkt beiden Agenturen Bescheid zu sagen. Manchmal kommt auch mal eine Comedygeschichte bei Barbarella an, dann rufen sie bei hb management an und umgekehrt. Im Zweifel darf ich als Künstler entscheiden, und dafür danke ich beiden Agenturen.

Peilst Du in nächster Zeit irgendwelche Projekte an und hast Du spezielle schauspielerische Ziele?
Ich komme jetzt gerade vom Schnitt einer Serie, die ich vor Jahren mal geschrieben habe. Peter Thorwarth hatte mir mal eine Idee erzählt, und da haben wir vor fast acht Jahren immer mal wieder ein bisschen dran gearbeitet. Jetzt habe ich endlich zusammen mit der @d art medienproduktion einen ersten Teaser-Trailer mit Schauspielern dazu gedreht. Der liegt jetzt gerade im Schnitt und den wollen wir selbst anbieten, damit ich nicht an den kleinen Italo-Rollen hängen bleibe.

Bietet Ihr denTrailer Netflix und Co. oder Sendern an?
Wir bieten ihn allen an. Die Idee ist, dass es jeder so zehn Tage auf dem Schreibtisch liegen hat. Zunächst einmal geht er an die Sender. Und wenn da niemand die Hand hebt, geht’s weiter, denn ich habe keine Lust, dass das Projekt einschläft. Das ist wie bei ’nem Date – man weiß danach einfach, ob es was ist oder nicht.

Das Gespräch führten Mariam Misakian und Tina Thiele. Adam Sandler meets Daniele und Rizzos Blick auf „Valerian“ finden Sie auf Youtube. Und mehr über ihn selbst hier.


  

 

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Besetzung – Spiegel der Gesellschaft

Podiumsdiskussion des Bundesverbandes Casting (BVC) im Rahmen des Filmfestes München 2017 | © Holger Borggrefe

Die vorliegende cn-klappe zeigt einen Zusammenschnitt des BVC-Panels im Rahmen des Filmfestes München.

Deutschlands Gesellschaft ist multikulturell und multisexuell! Das sehen wir alle jeden Tag und jede Nacht in unserem Leben – nur nicht in Film und Fernsehen. Der BVC lud zu einem Diskurs der Hoffnung, um eine noch größere Sensibilität für dieses Thema schaffen zu können. Ein Diskurs, um neue Lösungsansätze zu finden und auch in fiktionalen Geschichten ein realistischeres Abbild unserer Gesellschaft zu erzählen.

Auf dem Podium diskutieren Vertreter folgender Berufsgruppen:
Claudia Kratochvil (Drehbuchautor, Producer)
Dominik Kempf (Redakteur ZDF-HR Fernsehfilm/Serie II)
Murali Perumal (Schauspieler)
Jakob M. Erwa (Regisseur)
Adnan Maral (Schauspieler, Produzent)

Die Casting Directors des BVCs waren vertreten durch:
Deborah Congia (BVC | Hamburg)
Marc Schötteldreier (BVC | Köln)
Daniela Tolkien (BVC | München)

Moderation: Stephen Sikder (BVC | München)

Der Beitrag gliedert sich in folgende Kapitel (Achtung in der Ecke links oben anklickbar!):

Intro
Kapitel 1: Diversität – Wieviel Realität wird abgebildet?
Kapitel 2: Rollenvorbilder – Migranten brauchen keine Samba-Musik!
Kapitel 3: Fiktion – Impulsgeber für die Realität!
Kapitel 4: Publikumsdiskurs – Erfahrungsberichte aus der Branche!
Abspann & Dankeschön

Offizielle Website des Bundesverband Casting (BVC):
www.castingverband.de

Gendertalk – Offener Brief des BVC an Autoren, Produzenten, Regisseure und Sendermitarbeiter in Deutschland:
https://castingverband.de/?p=2369

Viel Spaß beim Anschauen: Zur cn-klappe bei casting-network

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Klappe halten!

Nanu? Die Welt wandelt sich, doch mit unterschiedlichem Tempo. Frauen haben in der Filmbranche gewaltig mit überkommenen ­Denkmustern zu kämpfen. Vorsichtig ausgedrückt. | Foto © Studiocanal

Nanu? Die Welt wandelt sich, doch mit unterschiedlichem Tempo. Frauen haben in der Filmbranche gewaltig mit überkommenen ­Denkmustern zu kämpfen. Vorsichtig ausgedrückt. | Foto © Studiocanal

Am Set bekommt die Schauspielerin Jo die Filmwelt von Bollywood erklärt: Es gebe nur einen Grund warum sie hier sei, sagt der Regisseur und deutet auf ihre Brüste. Und damit der Held etwas zum Retten habe … Eine Szene aus „Zornige indische Göttinnen“, Indien/Deutschland 2015, neulich im Kino.

Zurzeit im Kino: Im Emanzipationsmärchen „Ihre beste Stunde“ wird Catrin wird im Zweiten Weltkrieg als Drehbuchautorin engagiert, weil Frauen besser „den ganzen Schmalz“ schreiben können, meint ihr Chef und Kollege. Wir haben uns amüsiert. Schließlich ist Indien weit weg und der Weltkrieg lange her. Skurril, solche Gedanken. Und unvorstellbar in Deutschland 2017, nach einem halben Jahrhundert gelebter Emanzipationsbewegung. Und schon gar nicht in der Filmbranche, mit all ihren aufgeschlossenen Kreativen, die gerade solche Mißstände gerne anprangern – für alle Genres, Alter und Ton­lagen.

Ein Irrtum, muss Jörg Langer korrigieren. Im Auftrag des Bundesverbands Die Filmschaffenden hatte er die „Studie zur sozialen Lage, Berufszufriedenheit und den Perspektiven der Beschäftigten der Film- und Fernsehproduktionswirtschaft Deutschlands 2015“ erstellt, die seither eifrig diskutiert wird. Mit einem Katalog von 100 Fragen und 3.827 Teilnehmern ist sie die größte Untersuchung ihrer Art und gibt den bekannten Klagen eine stabile Basis an Daten. Weiterlesen

Doch die Daten nach Katalog reichten Langer nicht. Er bearbeitet das Thema außerdem in seiner Doktorarbeit. Bei einer Frage wollte er es genauer wissen: „Haben Sie Diskriminierung aufgrund Alter, Herkunft, Geschlecht, Sexualität oder Religion beobachtet?“ Nach den Kästchen zum Ankreuzen bot Langer die Möglichkeit, solche Erlebnisse in Stichworten zu schildern. Das wurde rege genutzt: 20 Schreibmaschinenseiten füllen die Darstellungen, die oft nur Einzeiler sind. Doch gleich, ob Stichwortsammlung oder Prosatext – fast alle zeichnen das selbe Bild: Der Job beim Film ist nicht sonderlich familienfreundlich, ab 40 wird’s eng mit den Aufträgen, Frauen verdienen generell weniger als Männer in derselben Position – sofern ihnen die überhaupt zugetraut wird.

 

Das ist wenig überraschend. Diese Probleme werden auch in anderen Branchen und darüber hinaus diskutiert. Es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis Quoten und andere Regelungen endlich Schluss machen mit der ungleichen Behandlung nach Geschlecht. Glauben manche. Schließlich steht’s doch so im Grundgesetz – Artikel 3, Absatz 1: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ Wer stellt sich schon gegen das Grundgesetz?

Offenbar doch sehr viele, wie die öffentlichen Diskussionen zeigen: Die „Gender Pay Gap“, die ungleiche Bezahlung, ist keine Ausnahme, sondern die Regel. Bundesweit, unabhängig von der Branche, fast 70 Jahre, nachdem das Grundgesetz in Kraft trat. Artikel 3, Absatz 2: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“

Als „Auftrag an den Gesetzgeber“ hatte die Parlamentarierin Elisabeth Selbert diese Formulierung gegen viele Widerstände und durch mehrere Abstimmungen in die Verfassung gebracht. Sie und ihrer Kollegen wussten, dass es mit dem Auftrag allein nicht getan war und gaben dem Absatz einen eigenen Paragrafen bei: Vorschriften und Gesetze, die dem entgegenstehen sollten nach vier Jahren ungültig werden. Die erste Regierung der Bundesrepublik ließ diese Frist verstreichen. Erst ab Ende der 50er-Jahre wurden nach und nach die schlimmsten Bestimmungen im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) aufgehoben. 1961 wurde sogar die erste Frau Bundesministerin – für Gesundheit.

Der Alltag sah anders aus: Bis 1977, da war das Grundgesetz fast 30 Jahre alt, brauchten verheiratete Frauen eine Einverständniserklärung ihres Ehemanns, wenn sie arbeiten wollten, ein Bankkonto eröffneten oder eine Waschmaschine kauften. Drei Jahre später wurde im BGB festgeschrieben, dass Frauen und Männer den Anspruch auf gleiches Entgelt haben. Das ist nun sogar schon 37 Jahre her.

 

Wie es auf dem Lohnmarkt aussieht, ist bekannt. Die Filmbranche bildet da keine Ausnahme, eine Bestandsaufnahme lässt sich aus Zitaten der Befragung zusammensetzen: Frauen in Führungspositionen sind nach wie vor seltener in der Produktion. Frauen wird noch immer keine technische Kompetenz zugetraut. Als Mutter hat man plötzlich kaum noch Chancen. Frauen werden für gleiche Arbeit schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen. Altersdiskriminierung ist die Regel. Die Hautfarbe eines Schauspielers hat großen Einfluss, ob er besetzt wird.

Denn Diskriminierung beschränkt sich nicht nur aufs Geschlecht. Der dritte und letzte Absatz im Artikel 3 des Grundgesetzes: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“

Jammern hier nur die ewig Unzufriedenen? Langer hält die Schilderungen allesamt für glaubwürdig. Natürlich geben sie wieder, was die Filmschaffenden auch in der Online-Befragung angekreuzt hatten. Aber sie sind einander zu ähnlich und häufig, als das man sie als übersteigerte Hirngespinste von Einzelnen abtun könnte. Zudem fordere es „Zeit und Überwindung, so etwas zu schreiben“, sagt Langer.

 

Das Mosaik, das sich da zusammensetzt, ist kein schönes Bild. Die Diskriminierung zeigt sich nicht nur in der schlechteren Bezahlung. Vier Beispiele:

„Einer Frau in einer verantwortungsvollen Position in meinem Bereich wird oft nicht so viel zugetraut wie einem Mann. Insbesondere, was die Verwaltung höherer Budgets etc. angeht. Die Aufstiegschancen, ein Projekt mit größeren Budgets zu machen, gestalten, sich schwierig. Davon mal abgesehen, dass die meisten Verhandlungspartner, also Produktionsleiter etc., männlich sind, und vieles gerne unter Männern ausgemacht wird.“

„Es gibt die Tendenz, Frauen bestimmte Genres (wie Romantische Komödien oder betuliche Dramen) zu geben, die man im Klischee als „weiblich“ erachtet, oft sind es auch die schlechteres Aufträge, das heißt, die Angebote, die ich bekomme, sind trotz der Filme, die ich geschrieben und für die ich Preise und Anerkennung erhalte, oft unter dem Niveau, das meine männlichen Kollegen bekommen. Ich verdiene bei gleicher respektive besserer Ausbildung und Qualifikation nachweislich weniger.“

„Frauen werden viel schlechter bezahlt. Weibliche Rollen werden von vornherein niedriger kalkuliert etc. In den Drehbüchern gibt es immer noch viele Rollen die immer männlich geschrieben sind, wie Ärzte, Anwälte Polizisten … In den Drehbüchern stehen selten Rollen mit ethnischem Hintergrund, und wenn man versucht, jemanden aus der Richtung zu besetzen, fällt oft der Satz: Nein, das geht nicht – man müsste ja extra erklären, warum zum Beispiel die Krankenschwester farbig ist …“

„Als Autorin erwähnt man besser nicht, dass man kleine Kinder hat.   Sonst gilt man als unzuverlässig, nicht so verfügbar, nicht so professionell, nicht so flexibel, nicht so kreativ, nicht so cool oder witzig oder tough oder was auch immer. Als männlicher Autor sollte man seine Kinder ständig erwähnen, das adelt. Als Mutter besser die Klappe halten.“

Wer nun auf den Geschmack gekommen ist, findet dazu zahllose, immer unglaublichere Anekdoten auf der englischsprachigen Website Shit People Say to Women Directors. Denn diskriminiert wird nicht nur in Indien oder 1940.

Nicht immer ist das böse Absicht, sondern blöde Gedankenlosigkeit. Der alltägliche Sexismus reicht dafür aus. Das schlimme Wort beschreibt nichts anderes als die Diskriminierung eines Geschlechts. Und die fängt mit einem harmlos putzigen Glaubenssatz an: Mädchen spielen mit Puppen, Jungs mit Autos. Zugegeben, damit liegt man oft richtig, aber eben nicht immer. Besser wär’s, beides für möglich zu halten. Noch besser freilich, beides für richtig zu halten. Doch soweit sind wir noch nicht. Mädchen, die mit Autos spielen, gelten zwar als cool, aber Jungs, die mit Puppen spielen, haben’s schwerer … Spätestens da ist der Sexismus nicht mehr so putzig.

Doch selbst den coolen Mädchen wird es nicht leicht gemacht. Noch vier Beispiele:

„Bei Frauen in der Kameraabteilung kommen manchmal schon so Sprüche auf wie: ,Die Kamera ist doch viel zu schwer für dich!‘ Es ist nett wenn männliche Kollegen einem ab und zu schwere Dinge abnehmen. Aber die ,schwere‘ Kamera gehört einfach zum Job, und wenn man den als Frau wählt, dann weiß man das und will sich so Kommentare nicht am Set anhören müssen. Lasst die Frauen doch einfach auch ihren gewählten Job machen.“

„An Sets an welchen ich für die gesamte Produktion und Regie zuständig war wurde ich oftmals geduzt oder mit ,Herzchen‘ oder ,Liebchen‘ angesprochen, was ich als äußerst respektlos empfinde. Ansonsten liebe ich meinen Beruf.“

„Als weiblicher DoP trauen einem Produzenten, Sender, und manchmal auch Regisseure nicht das Gleiche zu wie den männlichen Kollegen. Meine Vergütung war für den identischen Job deutlich geringer.“

„Es gibt nach wie vor Oberbeleuchter, die glauben, Frauen seien nicht für den Beruf der Beleuchterin geeignet. Meine Erfahrung zeigt aber, dass Frauen körperlich sehr wohl dazu in der Lage sind. Schwere Technik zu bewegen ist eben auch eine Frage der Technik nicht der Kraft. Außerdem beeinflusst ein weibliches Mitglied im Beleuchter-Team die Umgangsformen positiv.“

Offenbar gibt es beim Film noch immer „Männerberufe“ und „Frauenberufe“, allem voran in den Köpfen, wo sie sich mit allerlei anderem vermischen. Da ist der Produktionsleiter, der nur Männer einstellen will, weil Frauen zu anstrengend seien. Die Produktionsassistentin, die wegen ihres Gewichts abgelehnt wurde: Die Schauspieler könnten sich mit ihr vielleicht nicht wohl fühlen. Die Garderobiere, die entlassen wurde, weil die Hauptdarstellerin sie „zu gutaussehend“ fand.

Es sind ja nicht nur Männer, die diskriminieren. Auch Frauen können austeilen. Da sagt die Kamerafrau über die schwarze Schauspielerin: „Die ist so dunkel, was soll ich da mit dem Licht machen? Nächstes Mal nehmt einen Mischling.“

Diskriminierend sind nämlich offenbar alle, die nicht männlich, weiß, heterosexuell und zwischen 30 und 40 sind: Junge sind zu unerfahren, Alte zu langsam, Ossis zu schwierig und Ausländer haben im Deutschen Film eh nichts zu suchen: „Dunkelhäutige Komparsen wurden aus dem Bild genommen oder weit im Hintergrund platziert …“

Oder sie sollen Klischees entsprechen, mit denen sie gar nichts mehr zu tun haben:

„Ich habe keine deutschen Namen und werde fast ausschließlich für Rollen mit Migrationshintergrund besetzt, obwohl ich akzentfrei Hochdeutsch spreche (was man von Kollegen aus der Schweiz, Bayern oder Österreich nicht immer sagen kann). Mich für eine Rollen mit deutschem Namen vorzuschlagen, für die ich optisch und altersmäßig durchaus eine Option wäre, reicht die Fantasie der Caster, Regisseure, Produzenten oder Redakteure anscheinend nicht aus. Inter­essent ist dabei, dass deutsche Kollegen durchaus für Figuren, die nicht im deutschen Sprachraum verankert sind, problemlos besetzt werden.“

Kurz: „Kreative Akzeptanz ist bei Ausländern nicht immer gegeben.“ Da wird der Absperrer mit Migrationshintergrund auch schon mal mit „Hey, Türke, mach mal“ angewiesen, soll der Catering-Assistent „doch wieder Bananen pflücken“ gehen, die Darstellerin ist einfach das „Schokomädchen“.

Offenbar hinkt die Branche der Zeit hinterher. Kein Wunder, wenn es doch in den Werken, die sie fabriziert, meist zugeht „wie zu Adenauers Zeiten“, meint eine Filmschaffende: „Im modernen Gewand stöckelt ,Frau‘ auf der Suche nach Mr. Right durchs Wohlfülhlambiente-Eigenheim Programm.“ Und: „Wenn die Bevölkerung auf der Straße so gemischt wäre wie in den Storys, die uns das TV erzählt, dann wäre das Verhältnis zwischen den Geschlechtern: 70 Prozent Männer zu 30 Prozent Frauen. Von diesen 30 Prozent trügen die meisten Kleidergröße 36 oder kleiner, wäre die Hälfte jünger als 40.“

Diese Traumwelt bestimmt wohl auch den Set. „Ost/West ist leider immer noch ein Thema“, Witze über Ausländer normal, es herrscht eine „latente Homophobie“, ein „unachtsamer Gebrauch von Antisemitismus und pseudoironische Glorifizierung Nazi-Deutschlands“. „Bei Überhang an Testosteron kann es dazu kommen, dass weib­liche Kolleginnen nicht ganz so für voll genommen werden“, Maskenbildnerinnen werden „Girlies“ und „Hühner“ genannt, die Tonmeisterin hört „Komm zu Daddy, Baby …“ übers Walkie-Talkie.

Der Umgangston am Set ist nun mal ein und ruppig – wer damit nicht umgehen kann, ist im falschen Job, lautet die typische Entgegnung, falls sich mal eine „mädchenhaft anstellt“ und beschwert. Außerdem sei doch eh alles nur ironisch gemeint …

Mitunter ist das auch so und wird auch so verstanden. „Nur verschwindet die Ironie nach der zehnten Wiederholung.“ Doch „Sexismus gilt teilweise noch immer als ein Kavaliersdelikt in der Branche.“

„Wenn ich nicht hier arbeiten würde, würde ich solche Männer gar nicht kennen“, tröstet sich eine Filmschaffende, die ihre Kollegen aus ­Versehen beim heimlichen Pornogucken erwischt hat. Pragmatisch nimmt das eine auch eine Kollegin: „Film ist chauvinistisch und sexistisch … Aber mit den jungen Kollegen wächst langsam eine bessere Generation heran, die die Dinge anders sieht. Auch der Umgangston ist besser.“

Schön, wenn hier schon Schluss wäre. Aber die Antworten, gleich welcher Art, durchzieht ein Thema. Mehr noch als mangelnder Respekt, schlechtere Bezahlung oder lange Arbeitszeiten taucht ein Begriff auf: Sexuelle Belästigung.

Nicht mal hier oder da, sondern regelmäßig. Und so, „wie sie bei normalen Jobs niemals vorkommen würden.“

Die Rede ist nicht von den „Kraftausdrücken“, den „Anmachsprüchen unter der Gürtellinie“, den halblauten Bemerkungen über körperliche Attribute, den „üblichen Scherzen auf ­Kosten von Frauen“ und „oberflächlichen Anzüglichkeiten“: „Manche Männer in Führungspositionen neigen zu dauerhaft sexistischen Sprüchen“ und „mündliche sexuelle Belästigung ist als Frau am Set fast bei jeder Produktion an der Tagesordnung.“ Doch aus Worten werden zu oft Taten:

„Hübsche junge Frauen in der Kostüm- und Maskenabteilung sind häufig verbalen und handgreiflichen Übergriffen älterer männlicher Kollegen aus den Bereichen Schauspiel ausgeliefert. Um im Beruf zu bleiben, verzichten sie oft, diese Diskriminierung anzuzeigen.“

„Praktikantinnen und Schauspielerinnen erhalten teils anzügliche SMS von Produktionsmitgliedern.“

„Schauspielerinnen werden regelmäßig von Regisseuren in sexuell konnotierte Situationen und Gespräche verwickelt.“

„Bei einem Dreh mit einem sehr bekannten deutschen Regisseur wurden weibliche Teammitglieder als ,Fotzen‘ beschrieben, begrapscht und insgesamt respektlos behandelt. Vor anderen, männlichen Kollegen wurde die Vagina einer anwesenden Kollegin als nette Gegend, in der Er (der Regisseur) schon mal war, beschrieben.“

Von solchen Bemerkungen bis zum handfesten Griff an den Po reichen die Schilderungen. „Ich war schockiert, und ich habe mich geschämt“, beschreibt Langer seine erste, ganz unwissenschaftliche Reaktion. „Ich dachte, ich kenne die Branche. Als Dokumentarfilmer war ich in kleinen Teams unterwegs, da kommt es auf die Chemie an. Was ich jetzt lese, klingt wie Deutschland vor 30 Jahren. Die Grauzone ist vermutlich noch viel größer.“

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Oliver Zenglein, Olivier Kluyskens et Vincent Lutz. | Foto: Crew United

­Oliver Zenglein, Olivier Kluyskens et Vincent Lutz. | Foto: Crew United

« Souhaitez la bienvenue à Olivier Kluyskens! » – c’est ainsi que Crew United a présenté son nouvel employé sur sa page Facebook. C’est le premier membre de l’équipe chargée de lancer la version France de Crew United en 2018/2019. Olivier Kluyskens et les dirigeants de Crew United Vincent Lutz et Oliver Zenglein nous en disent en peu plus.

Une publication succincte sur Facebook qui suggère beaucoup de choses. Qu’en est-il au juste de Crew United France ?
Oliver Zenglein : C’est en soi une étape logique. La France a la plus importante industrie cinématographique du continent, et en Allemagne, nous sommes déjà liés en de nombreux points. Depuis longtemps, les coproductions franco-allemandes ne sont plus une exception, il y a un programme commun de subvention et de coopération entre des grandes écoles de cinéma. Personnellement, j’ai une prédilection et un grand respect avant tout pour le cinéma français, je pourrais développer à l’infini sur ce thème-là.
Vincent Lutz : Crew United compte déjà des utilisateurs du Luxembourg et de la Suisse – ce serait également pour eux une extension bienvenue d’avoir une version en français et active sur le marché français. Ces 20 dernières années, on a construit avec Crew United un réseau axé sur les professionnels du film des pays germanophones. Mais on a toujours eu une vision : l’Europe ! C’est un beau projet, il est à notre portée maintenant. Weiterlesen

Il n’y a pas de plate-forme équivalente pour les professionnels du film dans la grande nation du cinéma qu’est la France ?
Olivier Kluyskens : Non. Il n’y a aucune structure qui centralise ce que propose Crew United en France. Quand on recherche une équipe, on prend son téléphone et on appelle tous ses contacts…

Olivier, tu es Français …
Olivier Kluyskens : Je suis né en France, j’ai étudié à l’école ENS Louis-Lumière (ex-Vaugirard) aux environs de Paris et y ai débuté ma carrière dans le milieu cinématographique – comme assistant réalisateur et régisseur. J’avais déjà le sentiment qu’un tel outil manquait cruellement, d’autant que j’aimais beaucoup m’occuper de bases de données cinématographiques sur mon temps libre. Lorsqu’à 30 ans, je me suis installé en Allemagne, j’ai découvert Crew United, m’y suis inscrit et ai tout de suite été très convaincu par le site, bien avant que j’y sois amené à y travailler. Pour moi c’était clair qu’un site web comme celui-ci serait très utile en France. C’est le pays qui produit le plus de films en Europe, il y a un vrai besoin.

Sur Facebook, l’espagnol est évoqué…
Oliver Zenglein : L’espagnol est répandu dans le monde comme aucune autre langue. On reçoit souvent des mails d’Amérique du sud qui expriment leur souhait de s’y voir développer quelque chose comme Crew United là-bas.

Parallèlement, on évoque beaucoup l’arrivée de la nouvelle version du site, le « relaunch ». Est-elle reportée ?
Oliver Zenglein : Non, la nouvelle version arrive en premier. On y travaille déjà depuis longtemps et très en détail. C’est pour nous la condition préalable à tous nos prochains développements, la base pour nos activités internationales.

Qu’est-ce qui va changer ?
Oliver Zenglein : Disons-le comme ça : tout sera nouveau ! La technique, le design, l’interface utilisateur, tout sera adapté aux dernières technologies. Et grâce à sa conception en site web adaptatif, en responsive design, Crew United pourra être utilisé avec la même facilité sur les smartphones, les tablettes numériques ou les ordinateurs. Il y aura de nouvelles fonctions, celles existantes seront améliorées, un nouvel outil de recherche et bien plus encore. Lorsque que la nouvelle version sera en ligne, il y aura des mises à jour fréquentes, environ tous les deux mois, de manière à améliorer en permanence le site.

Pas d’application mobile Crew United alors ?
Vincent Lutz : Non, pas d’app. Nous voulons une solution qui soit indépendante des systèmes d’exploitation, qui soit fonctionnelle et avec un affichage agréable sur tous supports. Cela dit, il y aura une app spécifique pour les membres premium pour gérer leur fil d’actualité. Ce flux sera une nouveauté capitale ; mais il n’arrivera dans un deuxième temps, après la nouvelle version. Cela semble un gros investissement, en temps et en argent. La version en anglais de Crew United n’est pas suffisante pour l’Europe ?
Oliver Zenglein : Il n’y a pas vraiment de version en anglais, on a à l’époque juste traduit certaines parties. Dès l’inscription, l’utilisateur est bloqué s’il ne parle pas allemand.

« Log-in », ce n’est pas très compliqué à comprendre. Et ça se traduit vite.
Oliver Zenglein : La nouvelle version sera traduite intégralement en anglais. Chaque bouton, chaque texte. Crew United UK ? Oliver Zenglein : Non, on n’a pas de pays particulier dans notre viseur. Cela doit faciliter l’accès au site et le présenter à ceux qui ne parlent pas allemand.

L’Internet Movie Database (IMDb) se débrouille pas mal avec juste l’anglais comme langue unique.
Vincent Lutz : L’IMDb s’adresse au monde anglo-saxon et constitue un très bon outil pour cet espace. Pour les autres pays, c’est plus difficile en l’absence de véritable vérification rédactionnelle, en soi c’est juste du recopiage de génériques de films. On ne peut pas vraiment comparer les offres, car nous ne sommes pas concurrents : l’IMDb s’enrichit comme Wikipédia : elle s’est crée à l’initiative des fans, donc des spectateurs. Crew United a été pensé dès le début comme un outil et une plate-forme pour les professionnels de la branche audiovisuelle, qui ne tire pas ses informations uniquement de ce que les maisons de productions ont communiqué.
Oliver Zenglein : Sur tous ce que nous entreprenons, nous échangeons avec les associations professionnelles, les commissions du film, les organismes de subvention, les dirigeants de compagnies et tous les autres encore. Cela signifie que nous sommes en contact et dialogue permanent avec la branche professionnelle.

… il y a depuis longtemps une version pro de IMDb…
Vincent Lutz : Encore une fois, qui est bien adaptée au marché nord-américain – du moins pour les projets de type classique long-métrages cinéma, téléfilms, documentaires et courts-métrages. Les vidéo-clips y sont moins favorablement traités, les publicités seulement pour quelques exceptions. Alors que les travailleurs de notre milieu professionnel vivent beaucoup de ce type de projet.

Une raison de plus pour une « vraie » version en anglais.
Oliver Zenglein : C’est sûr, Crew United UK ou Crew United US, ça sonne bien. Mais nous nous concentrons d’abord sur les pays européens.
Vincent Lutz : Il ne suffit pas de traduire une fois – sinon on l’aurait fait depuis longtemps…
Olivier Kluyskens : l’IMDb a essayé par le passé de travailler avec une version en français, mais elle a abandonné. Déjà, il y avait beaucoup à dire sur la qualité de la traduction des termes spécialisés…
Vincent Lutz : Pour nous il s’agit de créer un site web auxquels les collègues français pourront s’identifier. Cela n’est possible qu’avec des personnes de langue maternelles qui connaissent la branche professionnelle. Comme cela été le cas pour nous.

Olivier ne restera alors pas le seul employé dédié à la France ?
Oliver Zenglein : On agit sur le long terme. Tout d’abord, Olivier doit avoir un temps d’adaptation pour maîtriser l’outil. On compte sur une année environ pour qu’il ait une véritable routine dans le traitement rédactionnel – il devra alors recruter et former une équipe française qu’il dirigera. Donc dans un deuxième temps on s’attellera à l’assemblage de cette équipe.

… pas encore de date limite de candidature connue ?
Oliver Zenglein : … non, s’il vous plaît, n’envoyez pas déjà des candidatures ! Il ne nous est pas possible de prévoir aussi loin. Et puis troisièmement, il nous faut financer cela.
Vincent Lutz : On a besoin d’une équipe de trois personnes au moins. Cela dépend du financement. On doit tout d’abord observer l’influence du lancement de la nouvelle version sur le nombres d’abonnés, si les techniciens, artistes et entreprises concernés des pays francophones seront aussi prompts à souscrire à notre offre qu’ici en Allemagne.

Un réseau professionnel qui traverse les frontières – cela doit plaire à Bruxelles et Strasbourg ?
Vincent Lutz : Nous allons effectivement demander pour notre développement européen un soutien de la part du programme Media, au printemps prochain. Nous aurons normalement une réponse en juillet 2018, et d’ici-là, nous pourrons également observer les premiers résultats de notre « relaunch » et les premières réactions sur le marché français. Nous évaluerons les potentialités de nos ambitions européennes. Il est très probable que nous nous considérerons d’autres pays européens. Cela n’arrivera peut-être qu’à l’automne, ou au printemps 2019. On ne se met pas de pression.
Oliver Zenglein : J’aime beaucoup l’idée qu’un jour, on travaillera ici avec beaucoup d’employés de pays très variés. Un réseau européen.

Traduction: Olivier Kluyskens

 

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Es lebe Frankreich (von links nach rechts): ­Oliver Zenglein, Olivier Kluyskens und Vincent Lutz. | Foto: Crew United

­Es lebe Frankreich (von links nach rechts): ­Oliver Zenglein, Olivier Kluyskens und Vincent Lutz. | Foto: Crew United

„Begrüßt bitte ganz herzlich Olivier ­Kluyskens!“ wurde neulich auf Facebook der Neue bei Crew United vorgestellt. Er ist der erste ­eines Teams, das 2018/2019 Crew United Frankreich launchen wird. Was es damit auf sich hat, verraten Kluyskens und die Crew-United-Geschäftsführer Vincent Lutz und ­Oliver Zenglein.

Ein kurzer Post, der vieles andeutet. Was hat es mit Crew United Frankreich auf sich?
Oliver Zenglein: Es ist im Grunde ein logischer Schritt. Frankreich hat die größte Filmwirtschaft des Kontinents, und wir haben jetzt schon viele Überschneidungen. Deutsch-französische Koproduktionen sind längst keine Ausnahme mehr und werden immer wichtiger, es gibt ein gemeinsames Förderabkommen und Zusammenarbeit zwischen Filmhochschulen. Da habe ich von persönlichen Vorlieben und überhaupt einem Respekt vor dem Französischen Film noch gar nicht angefangen.
Vincent Lutz: Schon jetzt nutzen Filmemacher aus Luxemburg und der Schweiz Crew United – auch für die wäre eine auf Frankreich zugeschnittene Version eine gute Erweiterung. Über 20 Jahre lang haben wir mit Crew United ein Netzwerk aufgebaut, das den größten Teil der deutschsprachigen Filmbranche verbindet. Wir hatten dabei immer eine Vision: Europa! Das ist ein schönes Ziel, jetzt ist es greifbar.

In der großen Filmnation Frankreich gibt es keine vergleichbare Plattform für Filmschaffende?
Olivier Kluyskens: Es gibt keine zentrale Stelle, die das anbietet, was Crew United macht. Freelancer zu für ein Projekt zu suchen, basiert auf dem persönlichen Netzwerk. Du musst deine Kontakte durchtelefonieren … Weiterlesen

Olivier, Du bist Franzose …
Olivier Kluyskens: Ich bin Frankreich geboren, habe in Paris an der ENS Louis Lumière studiert und meine ersten Schritte in die Filmwelt gemacht – als Motivaufnahmeleiter, Aufnahmeleiter und Regieassistent. Schon in Frankreich hatte ich an deutschen und deutsch-französischen Produktionen mitgearbeitet.
Als Freelancer hatte ich schon gemerkt, dass mir etwas fehlt. In meiner Freizeit hatte ich mich mit Filmdatenbanken beschäftigt. Als ich vor vier Jahren mit 30 nach Deutschland kam, habe ich Crew United entdeckt und bin ein begeisterter Member geworden, ehe ich Mitarbeiter wurde. Ich habe sofort gefunden, dass eine solche Webseite in Frankreich gebraucht wird. Die französische Filmbranche ist die produktivste in Europa und hätte ein großes Bedürfnis danach.

Auf Facebook war da außerdem von Spanisch die Rede …
Oliver Zenglein: Spanisch hat eben eine unvergleichliche Reichweite. Wir erhalten oft E-Mails aus Südamerika, die auch gerne so etwas wie Crew United hätten.

Zugleich ist die Rede vom Relaunch der Website. Ist das aufgeschoben?
Oliver Zenglein: Nein, der Relaunch kommt zuerst. Daran arbeiten wir schon lange und gründlich. Die neue Version ist die Voraussetzung für alles, was noch kommen soll. Sie ist die Grundlage für alle internationalen Aktivitäten.

Was wird anders?
Oliver Zenglein: Sagen wir mal so: Alles wird neu! Technik, Design, Benutzerführung, einfach alles wird auf den neuesten Stand der Technik gebracht. Und durch ein durchgängiges Responsive Webdesign wird die Nutzung auf Crew United mit dem Smartphone genauso viel Spaß machen wie mit dem Tablet oder einem Desktop-Computer.
Darüber hinaus wird es viele neue und verbesserte Funktionen geben, eine komplett neue Suchtechnik und vieles mehr. Und ab dem Relaunch wollen wir dann dauerhaft ungefähr alle zwei Monate Updates veröffentlichen und uns so ständig verbessern.

Also keine Crew-United-App?
Vincent Lutz: Nein, keine App. Wir wollen eine Lösung, die betriebssystemunabhängig ist und überall gut aussieht und gut funktioniert. Für Premium Member wird es aber eine tatsächlich eine App geben, um den personalisierten Premium-Newsfeed zu verwalten und informiert zu werden. Dieser Newsfeed wird eine große und einschneidende Neuerung sein; er wird aber erst in einem zweiten Schritt einige Monate nach dem Relaunch kommen.

Das klingt nach viel Aufwand, Zeit und Geld. Reicht für Europa nicht die englische Version von Crew United, die es schon gibt?
Oliver Zenglein: Das ist keine echte Version, wir haben damals nur Teile übersetzt. Das fängt schon beim Einloggen an: Dazu muss man Deutsch können.

„Log-in“ ist eigentlich nicht schwer zu verstehen. Und ließe sich auch rasch übersetzen.
Oliver Zenglein: Die neue Version wird tatsächlich vollständig auf Englisch übersetzt sein. Jeder Button, jeder Text.

Crew United UK?
Oliver Zenglein: Nein, wir haben da kein Land im Fokus. Das soll erstmal auch allen den Zugang erleichtern und Crew United vorstellen, die kein Deutsch können.
Die Internet Movie Database (IMDb) scheint mit Englisch als Hauptsprache gut klarzukommen.
Vincent Lutz: Die IMDb bildet den angelsächsischen Sprachraum sehr gut ab. In den anderen Ländern wird es schon schwieriger, denn für die gibt es keine richtige Redaktion, im Grunde werden die Abspänne der Filme abgetippt. Das ist jetzt kein Konkurrenzvergleich, denn das sind wir nicht: Die IMDb wächst nach dem Wikipedia-Prinzip – ihr Ursprung waren Filmfans, also Zuschauer. Crew United hingegen war von vornherein als Werkzeug und Plattform für die Branche konzipiert worden, in der auch nicht bloß die Angaben der Produktionsfirma allein als Quelle dienen sollte …
Oliver Zenglein: Bei allem, was wir planen, tauschen wir uns ja mit Verbänden, Film Commissions, Förderern, Herstellern und anderen aus. Das heißt, wir sind in ständigem Kontakt und Dialog mit der Branche.

… längst gibt es aber auch eine Pro-Variante der IMDb …
Vincent Lutz: Die wieder sehr gut Nordamerika abdeckt – sofern es um die klassischen Sparten Spiel-, Kurz- und Dokumentarfilm geht. Musikclips hingegen finden schon viel weniger berücksichtigt und Werbespots nur als Ausnahme. Obwohl viele Filmemacher damit ihren Lebensunterhalt verdienen.

Ein Grund mehr für eine „richtige“ englische Version.
Oliver Zenglein: Klar klingt Crew United UK oder Crew United US reizvoll. Aber erstmal konzentrieren wir uns auf die EU-Länder.
Vincent Lutz: Es reicht ja nicht, einfach nur zu übersetzen – sonst hätten wir das schon längst getan …
Olivier Kluyskens: …die IMDb hatte sich auch mal an einer französischen Version versucht, hat das aber wieder aufgegeben. Schon die Übersetzungen waren schlecht.
Vincent Lutz: Es geht darum, eine Seite zu schaffen, mit der sich die französischen Kollegen identifizieren. Das geht nur mit Muttersprachlern, die die Branche kennen. So wie das auch bei uns war.

Olivier bleibt demnach nicht der einzige Mitarbeiter für Frankreich?
Oliver Zenglein: Wir planen dafür längerfristig. Erstens muss sich Olivier ja erstmal einarbeiten. Dafür rechnen wir etwa ein Jahr, in dem er hier in der Redaktion die Routine durchlebt – er soll ja dann ein französisches Team aufbauen und anleiten. Dieses Team müssen wir zweitens erst noch zusammenstellen …

… die Bewerbungsfrist steht noch nicht fest?
Oliver Zenglein: … nein, bitte noch keine Anfragen schicken! So langfristig können wir auch nicht planen. Denn drittens muss sich das auch finanzieren lassen.
Vincent Lutz: Wir brauchen ein Team von mindestens drei Leuten. Das hängt vom Geld ab. Wir werden erst sehen, welche Auswirkungen der Relaunch auf unsere Mitgliederzahlen hatte, und dann ob die französischsprachigen Filmschaffenden das Angebot genauso rasch und gerne annehmen wie hier in Deutschland.

Ein Branchennetzwerk über Ländergrenzen hinweg – so etwas sollte man in Brüssel und Straßburg doch toll finden?
Vincent Lutz: Wir werden für den europäischen Ausbau tatsächlich im kommenden Frühjahr eine Media-Förderung beantragen. Eine Antwort soll im Juli 2018 kommen, und bis dahin wissen wir auch, wie das neue Crew United einschlägt und wie der ersten Reaktionen aus Frankreich sind. Wir werden sehen, wie auf europäischer Ebene gewichtet wird. Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir gleich auch andere europäische Länder berücksichten müssen.. Es kann also sein, dass es erst Herbst wird oder gar Frühjahr 2019. Wir setzen uns da unter keinen Druck.
Oliver Zenglein: Mir gefällt die Vorstellung, dass eines Tages sehr viele Menschen aus allen möglichen Ländern hier zusammenarbeiten. Ein europäisches Netzwerk eben.

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Kann mal jemand an die Zukunft denken?

In welche Zukunft Blickt der Deutsche Film? Klein-Hollywood scheint die Zuschauer jedenfalls nicht zu interessieren. Tom Tykwers Roman­verfilmung Ein Hologramm für den König lockte trotz Starbesetzung gerade mal 212.964 Kinogänger im Lande (ein Fehler übrigens). | Foto © X-Verleih

In welche Zukunft Blickt der Deutsche Film? Klein-Hollywood scheint die Zuschauer jedenfalls nicht zu interessieren. Tom Tykwers Roman­verfilmung Ein Hologramm für den König lockte trotz Starbesetzung gerade mal 212.964 Kinogänger im Lande (ein Fehler übrigens). | Foto © X-Verleih

Wird es bald Obergrenzen für Filme geben? Ein deutsches Protektorat? Einige der einflussreichsten Förderbürokraten Deutschlands haben sich was Neues ausgedacht, und es klingt seltsam bekannt. Die Verantwortlichen der Filmförderungsanstalt, kurz FFA, wollen die „Flut“ an Filmen eindämmen, die über die Kinos hereinbricht. Und sie glauben, dass man angesichts zu vieler günstiger Filme mit Grenzwerten in absoluten Zahlen weiter kommt.

Was denn bitte noch? Auffanglager für „kleine, schwierige Filme“? FFA-Vorstand Peter Dinges hat sich schon mal bereit erklärt, künftig Filme auszusortieren: „Einer muss vorangehen, auch wenn die Selektion eine harte Aufgabe ist“, sagte er vielleicht etwas unbedacht beim Filmtheaterkongress im Mai. Unbedacht nicht nur wegen des CSU-Flüchtlingsabwehr-Klangs, sondern auch, weil die Förderentscheidungen gar nicht seine sind.

Oder macht sich der Vorstand ehrlich, und gesteht ein, dass er nicht nur Verwalter, sondern längst Politiker mit Agenda ist? Das wäre eine folgenschwere Kursänderung. Die FFA ist schließlich eine Institution, die, weil sie das Geld (fast) aller verwaltet, die mit Kinofilmen Umsatz machen, sich immer einen Anstrich von Demokratie und Interessenausgleich gegeben hat. Ganz zu schweigen davon, dass die Gremien, die über die Förderungen entscheiden, noch immer frei in ihren Entscheidungen sind und mit Vernunft, Kinokenntnis und Neugierde fördern sollten. Aber Neugierde für Filme, das klingt in manchen Ohren wohl viel zu gefährlich. Weiterlesen

Die von Dinges zusammen mit FFA-Präsident Bernd Neumann vorbereiteten und Mitte Juni gegen viel Widerstand verabschiedeten Leitlinien schränken die Auswahl nun deutlich ein: Danach sollen nur noch Spielfilme gefördert werden, die mindestens 2,5 Millionen Euro kosten und ein „Potenzial“ von 250.000 Besuchern im Kino haben. Zum Vergleich: 2016 erreichten genau 21 von rund 250 deutschen Filmen solche Zuschauerzahlen [PDF]. Mehr als die Hälfte waren Sequels, Bestseller-Adaptionen oder Remakes. Man muss nicht lange raten, wem für die Zukunft Zuschauer-Potenzial zugestanden werden wird: Wendy 2, Bibi & Tina 5 und irgendwas mit Hape Kerkeling.

Es ist schon bezeichnend, dass die FFA sich ausgerechnet jetzt solch umstrittene Leitlinien gegeben hat: Seit Anfang des Jahres nämlich ist das Gesetz in Kraft, das mit kleineren rotierenden, noch dazu paritätisch besetzten Gremien dafür sorgen soll, dass es bei der Mittelvergabe gerechter und offener zugeht. Entscheidungen also nicht nur nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner getroffen werden. Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat es vorbereitet, der Bundestag hat es beschlossen – das konnte die FFA wohl nicht auf sich sitzen lassen. Nun lässt sie just die Regel einführen, die Experimente weitgehend ausschließt und noch dazu erwiesenermaßen die größte Hürde für Regisseurinnen ist: Nirgends ist der Anteil von Frauen im Regiefach so gering wie bei hochbudgetierten Filmen.

Die FFA kennt die Zahlen, sie hat ja nichts anderes im Kopf. Sie weiß, dass Maria Schraders Vor der Morgenröte“, der 2016 knapp unter den 250.000 Zuschauern blieb, um ein Vielfaches erfolgreicher war als Til Schweigers Tschiller: Off Duty, der knapp darüber gelandet ist. Raten Sie mal, welcher Film mehr Geld aus der Gemeinschaftskasse erhalten hat?

Wenn die FFA jetzt sagt „Klasse statt Masse“, meint sie leider „klotzen, nicht kleckern“. Dabei ist es doch kein Geheimnis, dass ein 8 Millionen Euro teurer Action-Krimi anders bewertet werden muss als das Historien-Tableau für 5,5 Millionen. Und dass Tom Tykwers Bestseller-Verfilmung Ein Hologramm für den König bei 14 Millionen Euro Kosten mit gut 200.000 Zuschauern sich in seinem „Potenzial“ wohl ordentlich verrechnet hat.

Den Ansatz mit absoluten Zahlen moniert auch die Arbeitsgemeinschaft Kino (AG Kino), der Verbund, der in Deutschland die meisten Arthouse- und Programmkinos vertritt. Ein widersprüchlicher Verein: Im internen Newsletter rühmen sie sich einerseits, selbst am Ursprung der Leitlinien beteiligt zu sein. Andererseits kritisieren sie, dass ihr Vorschlag nicht angenommen wurde, Fortsetzungen von der Förderung auszuschließen.

Dabei wäre das nicht nur eine Kleinigkeit, es wäre vermutlich der einzige Weg gewesen, bei den begrenzten Mitteln Slots für Unerwartetes zu garantieren. So aber heißt es auch 2017 wieder: Die Höchstförderung geht an Fack Ju Göhte3“. Unbenommen der Tatsache, dass Sequels beste Chancen bei Länderförderern haben und sie bei der FFA ohnehin über Referenzmittel der früheren Kassenerfolge verfügen.

Warum aber setzt sich dann die AG Kino noch für diese Leitlinien ein? Man könnte etwa hoffen, dass sie dabei helfen, auch künstlerisch ambitionierte Produktionen mit ordentlichen Budgets auszustatten. Doch wahrscheinlicher ist, dass die kleine Kinobetreiberlobby etwas anderes im Auge hat, sie nennt das Stichwort selbst: „Crossover“. Arthouse-Kinos spielen längst regelmäßig kommerzielle Filme mit mehr oder weniger kulturellem Anstrich, Originalversionen aus dem Mainstream, deutsche Komödien oder Wohlfühlkino aus Frankreich.

Da können Filme, die nicht von vornherein den großen Erfolg versprechen, lästig werden. Also ab mit den anspruchsvolleren (und deshalb schwieriger zu finanzierenden) Filmen an den Katzentisch: Ihnen soll es reichen, bei der Kulturstaatsministerin Monika Grütters (kurz BKM) eine Chance auf Förderung zu haben, schreibt die AG Kino. Und Dinges sieht die FFA endlich davon befreit, „BKM-Aufgaben [zu] übernehmen“.

Die Kultur hier, die Wirtschaft dort? Das unterstellt, dass kleinere Filme nicht genauso mehrere Finanzierer brauchen – und propagiert, dass nur Filmklotze wirtschaftlich sind. Anstatt sich zu freuen, dass der Bund kompensiert, wo die Länderförderer für Künstlerisches ausfallen, will sich die FFA noch weiter aus ihrer Verantwortung eines Marktausgleichs stehlen. Die Kleinen wird es ohnehin immer geben, deshalb lieber eine Umverteilung von unten nach oben. Ja, danke auch. Mit den Worten von Peter Dinges: „Die Vielfalt hat dort ihre Grenzen, wo es zu einer Übersättigung kommt!“ Wer aber ist hier bitteschön satt? Da hilft auch die Alibi-Leitlinie nichts mehr, nach der ein Portfolio-Gedanke bei der FFA beibehalten werden soll.

Wenn sich alte Industrien nach dem Motto „Das Boot ist voll“ abschotten, dann kann man darauf wetten, wie lange es dauern wird, bis sie von der Konkurrenz überholt werden. Bei der überwiegend auf öffentliche Mittel angewiesenen Filmproduktion mag das länger dauern als anderswo. Die Zeichen stehen dennoch auf Wandel, denn natürlich liegt etwas im Argen im deutschen Kino. Wenn sich aber Zuschauer von hiesigen Filmen abwenden, dann doch nicht, weil sie zu wenig Klein-Hollywood sind. Sondern, weil sie ihre Eigenheiten zu selten pflegen. Weil sie verwechselbar, wenn nicht sogar austauschbar sind. Die Hoffnung von Kinobetreibern und Förderern, dass es wieder weniger Filme geben könnte, wie früher, denkt den Medienwandel mit Rückspultaste. Und ignoriert, wie toll es ist, als Zuschauer ein größeres Filmangebot zu haben.

Exklusivität scheint momentan überhaupt en vogue zu sein. So ist in den letzten Monaten die gesamte Kinobranche in Aufruhr geraten – wegen einer doch erst einmal sehr verlockenden Vorstellung: dass die ARD-Mediathek auch aus Neapel, Marseille und Rotterdam frei zugänglich sein könnte. Was bisher nur in einem einzigen Land kostenlos gestreamt werden kann und für alle anderen wegen Geoblocking hinter Ländersperren verschwindet, soll, so die Vorstellung nicht weniger Parlamentarier, allen EU-Bürgern zur Verfügung stehen. Es ist die Rede von einem digitalen Binnenmarkt für die EU. Klingt doch plausibel: Wenn wir es mit der Abschaffung der Grenzen ernst meinen, dann ja wohl auch derer im Netz.

Mit alarmierenden Pressemitteilungen und einer regelrechten Presse-Kampagne haben die verschiedensten Leute davor gewarnt: „Verschenken Sie nichts, was Ihnen nicht gehört!“, rief die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok) den EU-Parlamentariern zu, und die Frankfurter Allgemeine Zeitung titelte „Die EU zerstört Europas Filmwirtschaft“. Die Angst: Europäische Koproduktionen wie Das weiße Band oder Toni Erdmann könnten gar nicht erst finanziert werden, wenn sie keine Lizenzen mehr für einzelne Länder verkaufen könnten. Und nationalen Produktionen breche eine ganz entscheidende Einnahmemöglichkeit weg.

Das stimmt zweifelsohne und liegt vor allem daran, dass Filme in der EU oft erst viele Monate, wenn nicht gar Jahre später im Nachbarland erscheinen, zu einem Zeitpunkt, an dem die Verfügbarkeit in der Mediathek (in aller Regel 24 Monate nach Kinostart, immer öfter aber auch früher) schon in greifbare Nähe rückt.

Wie es so ist, wenn Besitzstand gewahrt werden soll, ist nur leider wenig die Rede von der Zukunft. Viel zu selten geht es um neue Finanzierungsmodelle und, brennender, die Zuschauergewinnung. Man kann sich zurückwünschen in Zeiten, in denen dritte Sender ganz regelmäßig verlässliche Partner von Filmemachern waren. Oder man sucht und schafft Alternativen zu dieser Abhängigkeit.

Am kürzeren Hebel zu sitzen, rächt sich schließlich ein ums andere Mal: Bei den Verträgen mit den Sendern über die Mediatheken-Auswertung müssten Filmhersteller doch ein gewichtiges Wort mitzureden haben. Das wird aber zumindest für die finanzschwächeren Firmen nie der Fall sein, wenn sich nicht insgesamt etwas an der Gemengelage ändert. Und das heißt nicht mehr Geld und Einfluss vom Fernsehen, sondern weniger. Wie wär’s zum Beispiel mit einem direkt von der Haushaltsabgabe gespeisten Kinofilmfonds? Dann macht auch die Freizügigkeit in der EU weniger Angst.

Wäre es nicht ohnehin viel spannender, über die Chancen zu sprechen, die darin schlummern, wenn europaweit Filme zugänglich werden, die bisher viel zu wenig reisen? Es kommt darauf an, Potenziale zu denken – nicht von der Vergangenheit her, sondern von der Zukunft. Das gilt für die FFA, genauso wie für Mediatheken. Den Zuschauern muss dabei nichts geschenkt werden, aber etwas geboten bekommen sollten sie schon.

 

Frédéric Jaeger hält in seiner Kolumne auf Spiegel online  vier Mal im Jahr Rückschau auf das vergangene Quartal in der Filmbranche. Diese Folge erschien am 11. Juli 2016. Zweitveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Spiegel online.

 

 

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Cinema Moralia – Folge 158: Lasst viele kleine Filme blühen!

Stünde der FFA auch weiterhin gut zu Gesicht: Valeska Grisebachs „Western“

Wo bleibt der Kino-Maoismus? Die Verant­wor­tung zur Förderung des kulturell anspruchs­vollen Films gilt für alle Förderer, die Jan-Weiler-Methode und endlich eine Talkshow ohne Bosbach – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 158. Folge

Es war eine lustige, über­ra­schende Pres­se­mit­tei­lung, die uns Mittwoch von Kultur­staats­mi­nis­terin Monika Grütters zuge­schickt wurde, direkt vor der Sommer­party des »großen« der beiden Produ­zen­ten­ver­bände, der Allianz.
»Verant­wor­tung zur Förderung des kulturell anspruchs­vollen Films gilt für alle Förderer« war sie über­schrieben, und in der Unter­zeile sehr fein, fast schon poetisch: »Aus Anlass der anhal­tenden Diskus­sion um eine vor kurzem verän­derte Förder­praxis der Film­för­de­rungs­an­stalt (FFA) und des heutigen Treffens der Produ­zen­ten­al­lianz in Berlin erklärte die Staats­mi­nis­terin für Kultur und Medien Monika Grütters«.
Das Wort »eine« gefällt mir darin am besten.
Aber was hat Grütters erklärt? In gerade von ihr bislang unge­wohnter Deut­lich­keit schreibt die Staats­mi­nis­terin: »Die ange­strebte zukünftig sehr viel stärkere Ausrich­tung der FFA an rein wirt­schaft­li­chen Kriterien bei der Entschei­dung über die Förderung eines Film­pro­jekts halte ich für falsch. Ein solcher Förder­an­satz wird dem deutschen Kinofilm als Kultur- und Wirt­schaftsgut in seiner Vielfalt nicht gerecht und ist kultur­po­li­tisch auch nicht geboten.«
Ein Affront und eine offene Attacke auf FFA-Chef Peter Dinges und nicht zuletzt auch auf ihren Vorgänger, Ex-Kultur­staats­mi­nister Bernd Neumann, der jetzt Chef des FFA-Verwal­tungs­rats ist. Recht hat sie!
Wir würden jetzt gerne »Gut so, Frau Grütters!« jubeln, wären da nicht… ein paar Fragen und Gedanken.
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Denn wie weit hat eigent­lich die Minis­terin selbst mit ihrer Politik dazu beige­tragen, dass sich nicht mehr alle sicher sind, ob es eigent­lich noch irgendwem noch um kultu­relle Film­för­de­rung geht? Dass, salopp gesagt, die Anwälte der Industrie, des Films als Wirt­schaftsgut Morgen­luft schnup­pern.
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Es fließt mehr Geld in den deutschen Film, das stimmt. Das war auch höchste Zeit. Es ist zwar immer noch viel zu wenig Geld, vergli­chen mit anderen Bereichen der Kultur­po­litik, aber immerhin.
Nur fließt dieses Geld einseitig in die Wirt­schafts­för­de­rung. Grütters verweist auf die »massive Aufsto­ckung der kultu­rellen Film­för­de­rung in meinem Etat um zusätz­liche 15 Mio. Euro jährlich«. Sie verschweigt aber die zusätz­li­chen Millio­nen­stei­ge­rungen im DFF, die den Vorrang der Wirt­schafts­för­de­rung fest­schreiben; ; sie verschweigt, dass auch die so genannte kultu­relle Film­för­de­rung des BKM mit erwar­teten »Zuschau­er­zahlen« und den Gummi­wör­tern
»Erfolgs­aus­sichten« und »Relevanz argu­men­tiert; sie verschweigt, dass sie nichts getan hat, um den Einfluss der Fern­seh­sender zu redu­zieren, oder gleich ganz zu streichen – obwohl sie genau weiß, dass sich die aus Haus­halts­zwangs­ab­gaben (für die ich bin) finan­zierten Sender de facto nahezu komplett aus der Film­fi­nan­zie­rung zurück­ziehen.

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Man muss das ja nicht gut so finden. Aber jahrelang war die Politik des BKM darauf ausge­richtet, die zwei Säulen Kultur und Wirt­schaft mitein­ander zu verschränken. De facto bedeutete das ziemliche Willkür der Förderer, deren Entschei­dungen objektiv kaum über­prüfbar waren. Das wurde viel kriti­siert, bot den Betei­ligten aber immerhin Spiel­räume. Seit Grütters Amts­an­tritt ist die Tendenz klar: Sie versucht, beide Felder zu trennen, und tenden­ziell gegen­ein­ander in Stellung zu bringen. Die Kriterien sollen verob­jek­ti­viert werden. Mit Controller-Menta­lität kommt man aber in Kultur­fragen überhaupt nicht weiter.

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So erscheint dieser Kampf der Förder­häupt­linge vor allem als Ener­gie­ver­schwen­dung, als eine jener typischen Schein­de­batten des deutschen Films: Man redet über Vertei­lung und das Verhältnis von Kultur und Wirt­schaft. Man redet nicht darüber, was für ein Kino man will, man redet nicht über recht­liche Frag­wür­dig­keiten des ganzen Modells (Wirt­schafts-Subven­tionen sind nach EU-Recht verboten, es klagt nur keiner). Vor allem redet man nicht darüber, dass es die viel­be­schwo­rene Wirt­schaft gar nicht gibt. Den Begriff »Deutsche Film­in­dus­trie« muss man immer in Anfüh­rungs­zei­chen schreiben. Denn die wenigsten dieser Indus­tri­ellen bekommen für ihre Projekte einen Bank­kredit, wie ihn jeder anstän­dige Metz­ger­meister bekommt, wenn er eine neue Wurst­ma­schine kaufen will. Die Film­würste sind den Banken in der Regel zu unsicher. Darum gibt es Film­för­de­rung. Mindes­tens 93%, nach verläss­li­chen Angaben sogar 97% der Film­för­de­rung werden nicht zurück­ge­zahlt, sind also Subven­tionen. Dagegen ist gar nichts zu sagen, würde das Geld tatsäch­lich zur Förderung von Kultur einge­setzt. Als Förderung der Film-Groß«industrie« ist es ein Schlag ins Gesicht aller unab­hän­gigen mittleren und kleinen Produ­zenten.

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Es ist gut und richtig, dass die FFA etwas Neues probieren will. Nur: Warum bedeutet Neuerung, dass man den Großen noch mehr Geld gibt, den Kleinen gar nichts? Warum tut man so, als stünden hinter der üblichen Antrags­poesie, in der jeder Film »mit Sicher­heit« »auf ein breites Publikum trifft« und »wir mit mindes­tens 200.000 bis 250.000 Zuschauern und der Premiere auf einem A-Festival rechnen« irgend­etwas anderes steht als fromme Wünsche oder offene Lügen? Im Jahr 2016 hatten von 25 deutschen Filmen nur 21 Produk­tionen mehr als 250.000 Zuschauer.
Warum also setzt die FFA auf noch mehr Einfalt, statt endlich auf Vielfalt?
Wenn man wirklich etwa Neues will, dann würde ich es mal mit dem Motto von Chairman Mao Tse-tung probieren: »Lasst viele bunte Blumen blühen!« Anstatt zum Beispiel 100 Millionen auf 10 Filme zu verteilen, könnte man 100 Filmen je 1 Million geben. Die Erfolgs­chancen würde das steigern, pro einge­setztem Euro würde mehr Filmkunst entstehen. Denn auch wirt­schaft­lich rechnet sich die »Spit­zen­för­de­rung« nicht wirklich: Ein richtiger Flop und zehn Millionen sind verbrannt, man hat aber nur einen Film.
Wie Grütters schreibt: »Auch ein deutscher Film, dem weniger als poten­tiell 250.000 Zuschauer zugetraut werden, kann ein kultu­reller aber auch ein wirt­schaft­lich erfolg­rei­cher Film sein. Beides zu erfüllen, mit Mut zum kreativen Risiko, sollte weiterhin unser Ziel sein. Die sehr erfreu­li­chen deutschen Beiträge und Erfolge in den letzten Jahren in Cannes zeigen dies deutlich. Die Förderung von Filmen wie Maren Ades Toni Erdmann oder auch Fatih Akins Aus dem Nichts oder Valeska Grise­bachs Western stünden auch der FFA weiterhin gut zu Gesicht.«

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Aber das sind erstmal schöne Worte. Eigent­lich, so scheint es, möchte die Minis­terin eine Flur­be­rei­ni­gung in der deutschen Kino­land­schaft. Sie möchte offenbar mit dem kompli­zierten Argument der angeb­li­chen »Film­schwemme« die unab­hän­gigen mittleren und kleinen Produ­zenten an die Wand fahren lassen, und in die Insolvenz treiben.
Die Sender machen da gerne mit.
Wie ihre Politik in der Praxis dem behaup­teten Ziel dienen soll, »ein Mehr an kreativer Unab­hän­gig­keit zu gewähr­leisten und kulturell anspruchs­volle, inno­va­tive und auch expe­ri­men­telle Filme noch besser zu fördern«, hat Grütters noch nicht schlüssig erklärt.

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A propos Cannes: Während Grütters mit Artur Brauner auf dem Sofa saß, und dadurch auch vor lästigen Lobby­isten etwas geschützt war, und während der liebe Gott wie jedes Jahr das »Sommer­fest« der Allianz mit Dauer­regen kommen­tierte – zumindest er ist offenbar kein Fan des deutschen Films – liefen auf einer großen Videowand in Dauer­schleife Bilder aus Cannes. Es ist doch inter­es­sant, dass selbst der Kern der Branche sich offenbar nur an Cannes ausrichtet, wo deren Filme nur selten laufen. Und dass mit Bildern von der Berlinale offenbar kein Staat zu machen ist.

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Jan Weiler, einst Co-Chef im SZ-Magazin, und dann wegen der nie geführten Inter­views von Tom Kummer zurück­ge­treten, verdient seither bekannt­lich nicht schlecht damit, seine Familie in Form auto­bio­gra­phisch inspi­rierter »Romane« zu vermarkten: Die auch verfilmten Maria, ihm schmeckt’s nicht und Antonio, ihm schmeckt’s nicht!, In meinem kleinen Land, die Stern/WamS/BR 2-Kolumne Mein Leben als Mensch, und schließ­lich Das Pubertier, seit letzter Woche auch von Leander Hausmann verfilmt im Kino. Offenbar gefällt die Jan-Weiler-Methode nicht allen.
Wie uns auf dem Filmfest München erzählt wurde, hat Jan Weilers in Buch und Film portrai­tierte Tochter vor Dreh­be­ginn höchst­selbst bei Leander Hausmann angerufen: Sie möchte, dass ihr Vater nicht zu gut wegkommt. »Mach Dir mal keine Sorgen.« Angeblich hatte die Tochter gegen das Ausschlachten ihrer Pubertät daheim protes­tiert und daraufhin zu hören bekommen: »Dafür hast Du ‘nen Pool.« Erziehung 2017.

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Das sollte er öfters tun: Wolfgang Bosbach hat eine Talkshow verlassen. Welch’ eine Erholung. Was Sandra Maisch­berger, Maybrit Illner und selbst Anne Will nie gelang, schaffte Jutta Ditfurth. Im Gespräch über die G20-Proteste blieben dem sola­ri­um­braunen CDU-Popu­listen die Argumente weg, darum hatte er fertig und floh vor den ARD-Kameras.
Bemer­kens­wert an der Sendung war, dass wenigs­tens Maisch­berger an einer offenen Debatte inter­es­siert war, und auch den radikalen Protestler eine Stimme gab, sich für deren Argumente inter­es­sierte.
Nicht so die meisten Bericht­erstatter: Nichts nervt an der G20 Bericht­erstat­tung mehr, als die einsei­tige Partei­nahme vieler für Polizei, Stadt­re­gie­rung und gegen die Demons­tranten. Ein Beispiel für das Main­strea­ming der Medien: Man berichtet am Frei­tag­morgen, in der Nacht habe es »sechs verletzte Poli­zisten« gegeben, und am Sams­tag­morgen, am Vortag habe es »mindes­tens 213 verletzte Poli­zisten« gegeben. In beiden Fällen wird aber nicht berichtet, wieviel verletzte Demons­tranten oder auch nur »normale Bürger« es gab. Warum? Die Nacht auf Samstag ist in den gleichen Medien eine »Schre­ckens­nacht«. Sie ist keine »Krawall­nacht«, schon gar keine »Protest­nacht«.
Pegida-Demons­tranten, AfD-Wähler und Flücht­lings­heim-Randa­lierer sind »besorgte Bürger«, nicht so die G20-Protestler.
Nicht einmal Ansatz­weise erlebt man Vers­tändnis für das Unfried­liche. Wer sich auf dem Maidan mit Poli­zisten prügelt, wird gelobt, paläs­ti­nen­si­sche Stei­ne­werfer werden mindes­tens verstanden, gewalt­samer Wider­stand gegen Dikta­turen sowieso, aber plötzlich ist Gewalt immer schlecht, und es heißt »Demo­kratie und Gewalt schließen sich aus.« So ein Unsinn. Die Autoren haben wohl tatsäch­lich noch nie etwas gehört von den Tradi­tionen des Ille­ga­lismus, des Situa­tio­nismus, des Insur­rek­tio­na­lismus, oder vom »poeti­schen Terro­rismus« eines Hakim Bey.

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Bemer­kens­werte Ausnahme: Der bürger­liche, aber eben auch frei­heit­liche »Tages­spiegel«: Der absurde Hamburger Einsatz­leiter Hartmut Dudde, der vom rechts­ra­di­kalen Senator Schill geför­derte Schöpfer der über­harten »Hamburger Linie«, die auch in Poli­zei­kreisen umstritten ist, wird vom »Tages­spiegel« als »Mann fürs Grobe« portrai­tiert, der »bereits vor Beginn des Woche­n­endes eine fatale Wirkung erzeugte«, indem er fried­liche Zeltlager räumen ließ, Gerichts­be­schlüsse höchst einseitig und will­kür­lich inter­pre­tierte, bezie­hungs­weise deren Geist unterlief. So verlor der Staat den Kampf um die öffent­liche Meinung. »Was ist das für ein Staat, der wegen ein paar Lagen Polyester und Zelt­stangen so austickt?« (Tages­spiegel) So wurde die Eska­la­tion herauf­be­schworen, der Rechts­staat auch im Empfinden vieler Bürger außer Kraft gesetzt.
Das kam bei Maisch­berger zu Recht zur Sprache und war für Bosbach uner­träg­lich.

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Tschüss Rechts­staat: Es ist mir zwar nicht egal, aber auch keines­wegs die Haupt­sorge, wenn in Hamburg Mülleimer oder Autos abge­fa­ckelt werden, wenn zugleich der Staat so reagiert, wie er reagiert hat. Mit Poli­zei­willkür und Aussper­rung der Pres­se­ver­treter. Geklärt werden muss die Frage, wie es sein kann, dass das Bundes­pres­seamt während der Protest­woche bereits erteilte Akkre­di­tie­rungen zurück­zieht und den betrof­fenen Kolle­ginnen und Kollegen die Bericht­erstat­tung über den Gipfel untersagt. Gibt es Gründe, dann müssen sie veröf­fent­licht werdem ansonsten darf so etwas nicht wieder vorkommen. Dass dann schwarze Listen über die Bericht­erstatter vom türki­schen Auto­kraten Erdogan stammen, ist mehr eine Fußnote am rechten Rand.
Der Schutz der Meinungs- und Pres­se­frei­heit ist genauso wichtig wie der Schutz des Eigentums. Nur reden wir leider zu viel übers Eigentum, und zu wenig über Meinungs- und Pres­se­frei­heit.
Der Münchner Autor und Büchner-Preis­träger Rainald Goetz war da in Bezig auf Staat und Presse bereits 1978 weiter als Wolfgang Bosbach und Heiko Maas: in dem Text »Privi­le­gien, Anpassung, Wider­stand«, den er 1978, im Kursbuch 54, kurz nach dem »Deutschen Herbst« schrieb, heißt es:
»Als ob es nicht gerade diese Alter­na­tiv­lo­sig­keit wäre, die uns an system­im­ma­nenten Lösungen radikal zweifeln lässt. Welche, wenn nicht solche Erfah­rungen, solche unzu­rei­chenden Antworten, solch exem­pla­ri­sches Unver­s­tändnis treiben die jungen Leute, einige wenigs­tens, stück­weise in die poli­ti­sche Krimi­na­lität, oder zumindest in ein hand­festes Sympa­thi­san­tentum? Denn der poli­ti­sche Wahnsinn des Terrors verliert ange­sichts des staat­li­chen Wahnsinns der Reaktion viel von seinem scheuß­li­chen Gesicht.«

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Wählen nach Farben: Parteiencheck für Filmarbeiter

Schaut genau hin, ihr Filmschaffenden, was Euch im September zur Wahl steht. | Collage © cinearte

Schaut genau hin, ihr Filmschaffenden, was Euch im September zur Wahl steht. | Collage © cinearte

Über die „4. Industrielle Revolution“ und das Wachstum der Kreativbranche im Lande wird gerne geredet, als wandelten wir schon durch blühende Landschaften. Doch wie es den Arbeitern in den Traumfabriken ergeht, ist kaum ein Thema. Selbst kritische Beobachter blicken oft nur bis zum Tellerrand. Die Website Netzpolitik etwa hatte vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhauswahl im vorigen September einen „Netzpolitischen Vergleich“ der Wahlprogramme angestellt und dabei die kritischen Punkte von Infrastruktur über Bildung bis Datenschutz abgehakt. Unter welchen Bedingungen dieses Netz gefüttert wird, interessierte nicht.

Dabei ist die Lage der Kreativen in der Filmbranche bekanntlich nicht so rosig. Auch wenn jetzt erstmals die Filmförderungsanstalt darauf hinwirken soll, dass in der Branche „sozialverträglich“ gearbeitet werde. Also menschenwürdig. Das hielten die Vereinten Nationen schon vor 70 Jahren für eine gute Idee. Weiter so, Deutschland!

Was können Filmschaffende von den Parteien erwarten? Wir versuchen eine Standortbestimmung zur anstehenden Bundestagswahl. Weiterlesen

Das ist nicht immer einfach: Leicht vermischen sich in den Diskussionen die schillernde Kreativbranche und die Film- und Fernsehbranche, die nur ein Teil der ersteren ist und ganz eigene Strukturen, Anforderungen und Probleme hat. In der Kreativbranche arbeiten 1,6 Millionen Menschen, beim „Film“ nicht mal 100.000.

Zum anderen durchkreuzen die „Filmpolitik“ verschiedenste Ressorts: Wirtschaft, Soziales und Kultur. Alles hängt zusammen, eines bedingt das andere. Ob es nun um die Altersvorsorge für kurzfristig Beschäftigte geht oder um die Auftragsvergabepraktik der Öffentlich-Rechtlichen – unterschiedliche Symptome eines größeren Problems.

Deshalb hätte es auch keinen Sinn, dies wieder aufzutrennen nach Wirtschafts- oder Sozialpolitik. Das machen die Parteien schon selbst: Von CDU und FDP, die sich für die Dynamik der Kreativbranche begeistern, ist zum Thema „Soziale Absicherung“ nichts zu vernehmen. Ist dort von der Filmbranche die Rede, geht’s in der Regel nur um Wettbewerbsfähigkeit und Fördermillionen.

Es verläuft eine Trennlinie zwischen den Parteien, den die Filmbranche gut kennt: Auf der einen Seite geht es um das große Ganze in mehrstellige Millionenhöhe, auf der anderen um das Kleingedruckte in den Sozialgesetzen. Die einen schweben oben in den Lüften, die andern schlagen sich durchs Unterholz.

Natürlich ist schon die Fragestellung tendenziös. Wollten wir ein Superstudio bauen, um Filmexportweltmeister zu werden, hätten (während SPD und Grüne noch diskutierten, ob das überhaupt sinnvoll ist) vermutlich CDU und FDP mehr Ideen als Die Linke. Vielleicht würden sie sogar an die Toiletten denken in ihrer Superfilmfabrik. Denn darum geht es wirklich: Unter welchen Bedingungen wollen wir leben und arbeiten? Und welchen Stellenwert geben dem die Parteien?

 

CDU

Die Kanzlerpartei stellt die Staatsministerin für Kultur und Medien (BKM), Monika Grütters ist praktisch Deutschlands Filmministerin. Filmschaffende fühlen sich bei ihr nicht so geborgen wie bei ihrem Vorgänger: Die Professorin scheint lieber ins Museum oder Theater zu gehen. Doch an der Person soll man das Amt nicht festmachen (das kann sich nach der Wahl eh ändern).

Als BKM hat Grütters den Deutschen Filmförderfonds (DFFF) um die Hälfte erhöht, auf nun 75 Millionen Euro. Das ist viel Geld, allerdings nur 5 Millionen Euro mehr, als der DFFF bei Grütters’ Amtsantritt vor vier Jahren hatte – und zwar als Normalbudget. Die neue Erhöhung hingegen soll ausdrücklich nur internationalen Großproduktionen dienen, um „Aufträge an deutsche Produktionsdienstleister [zu] schaffen“, sagt Grütters.

Das neue Filmförderungsgesetz (FFG) hat der Filmförderungsanstalt seit Jahresanfang die Arbeitsbedingungen in der Branche ans Herz gelegt. Das ist neu, aber weit unter dem, was der Bundesrat meinte, als er ihr den Passus in den Gesetzesentwurf gedrückt hatte: Tarifbindung für Förderprojekte und faire Verträge. Die Ministerin widersprach im Bundestag: Genau so sei das nicht gemeint – Studien und Veranstaltungen sollen reichen. Das aber stand schon früher im Gesetz, die FFA hatte nichts dergleichen getan.

Der Eindruck: Die Konservativen stützen ihr Konzept auf die Wirtschaftskraft der Branche. Wenn’s den Unternehmern gut geht, haben auch ihre Arbeitnehmer etwas davon. Das ist der „Trickle-down-Effekt“, mit dem schon Ronald Reagans Präsident der USA wurde. Am Ende seiner Amtszeit hatte sich die Staatsverschuldung fast verdreifacht.

Um die anderen Probleme mogelt man sich lieber herum. 2013 hatte die Partei mit ihrem damaligen Koalitionspartner FDP einen Antrag im Bundestag gestellt, um die „Wettbewerbsfähigkeit der Kultur- und Kreativwirtschaft weiter [zu] erhöhen“ [PDF]. Um Gründergeist, Förderung und Coaching, Innovation und deutsches Handwerk drehten sich die Visionen, die in 19 Forderungen mündeten. Nur die letzte betraf entfernt die Filmarbeiter, und auch nur einen Teil von Ihnen: Die Künstlersozialkasse (KSK) solle erhalten werden. Solo-Selbstständigkeit sieht man ohnehin als Unternehmertum, und das soll man möglichst nicht regulieren, zeigen die jährlichen Monitoring-Berichte aus dem Wirtschaftsministerium.

Abgelehnt wurde währenddessen [PDF] ein Antrag der SPD-Opposition, der sich genau diesen Brachen gewidmet hatte [PDF]. Auch einen Antrag der Linken zum neuen FFG [PDF] hatte man im vorigen Jahr abgeschmettert. Ein paar „offene Baustellen“ räumte die CSU-Abgeordnete Astrid Freudenstein im Bundestag ein [Video], als habe man alles im Griff: Die Arbeitszeitbedingungen regelt der Tarifvertrag, wo der nicht gilt, wachen der Zoll über Mindestlöhne und Landesbehörden über die Arbeitszeiten – Probleme kann es also gar nicht geben.

Dabei sitzt die Abgeordnete doch sowohl im Ausschuss für Arbeit und Soziales als auch in dem für Kultur und Medien. Sie sollte also doppelt Bescheid wissen, dass die Branche keine Baustellen hat, sondern aussieht wie der Potsdamer Platz in den 1990ern. »Gendergerechte und soziale Filmförderung« hat Freudenstein den Videomitschnitt ihrer Rede überschrieben.

 

SPD

Wofür steht die deutsche Sozialdemokratie? Natürlich steht sie für soziale Gerechtigkeit, das bekräftigte auch wieder ein Leitantrag [PDF] des Vorstands zum außerordentlichen Bundesparteitag vor zwei Wochen.

Als Regierungspartner ist sie natürlich für den gegenwärtigen Stand der Dinge mit verantwortlich. Zusätzlich zum DFFF verteilt das SPD-geführte Wirtschaftsministerium jährlich 10 Millionen Euro über den German Motion Pictures Fund.

Als sie selbst noch den Ton angab, wurde die Branche von Kirch-Krise und Dot-Com-Blase erschüttert. Dafür kann die SPD zwar nichts, und es ist auch schon lange her, doch hatte sie mit ihren Partnern von den Grünen das Sozialsystem derart zurechtreformiert, dass Filmschaffende (also geradezu die Kernzielgruppe beider Krisen) heute noch durchs Raster fallen. Stichwort Anwartschaftszeiten fürs Arbeitslosengeld.

Übrigens wurde in dieser rot-grünen Regierungszeit auch das FFG zweimal geändert, ohne dass sich darin etwas geändert hätte. Die Sorge um die Filmschaffenden kam erst dieses Jahr ins Gesetz. Allerdings kam der Anstoß dazu von der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft (Verdi) [PDF], die der Sozialdemokratie nicht fern steht; ins Gesetz hatte sie der Bundesrat gebracht, wo SPD-geführte Landesregierungen im vorigen Jahr noch die Mehrheit hatten. Andererseits: den eigenen Regionalförderungen hat bislang keine dieser Landesregierungen so etwas in die Statuten geschrieben – nicht mal in Hamburg, wo man immerhin schon den „Grünen Drehpass“ fördert.

Vor vier Jahren hatte die Partei in der Opposition ihr Gewissen gezeigt. Während die konservativ-liberale Regierung die „Wettbewerbsfähigkeit“ der Kreativbranche steigern wollte, kümmerte sich die SPD mit ihrem Antrag um den Rest, also wie Menschen in der Kreativbranche überhaupt erstmal überleben können, ehe sie an irgendwelche Wettbewerbe denken.

Den Sozialdemokraten sind die branchentypischen Probleme wohlbekannt, ihr Antrag griff die ebenfalls bekannten Vorschläge auf, diese zu beheben: die Anwartschaftszeit fürs Arbeitslosengeld verlängern, Solo-Selbstständige in die Sozialversicherungen einbinden und Fördermittel an die Bedingung knüpfen, dass Tarifverträge und sozialer Mindeststandards eingehalten werden. „Projekt Zukunft – Deutschland 2020“[PDF] war dieser „Pakt für die Kreativwirtschaft“ betitelt. Er wurde von der Mehrheit aus CDU und FDP abgelehnt.

Was die SPD freilich nicht abhielt, all dies vor anderthalb Jahren in ihr „Grundsatzprogramm für die digitale Gesellschaft“ [PDF] aufzunehmen.

 

Die Grünen

Vor sechs Jahren hatten es sich die Grünen mit ihrer Klientel ziemlich verscherzt. Die „Kreativen“ waren von jeher Stammwähler der Partei gewesen, die wiederum die bisherigen Strukturen einer traditionellen Arbeitswelt in Frage gestellt hatten. Doch nun war die Partei auch schon über 30 Jahre alt, und eine neue Alternative machte von sich reden: die Piratenpartei. Die drehten sich in ihren Forderungen zwar vornehmlich um ein freies Internet für alle (was auch alle Inhalte einschloß), gebärdeten sich aber ähnlich frisch, wild und respektlos wie die Grünen in ihren Anfangsjahren und schienen einen Nerv getroffen zu haben. Der Parteivorstand der Grünen nahm die Herausforderung an und legte auf dem Bundesparteitag einen Antrag vor, der auf ein „flexibleres“ Urheberrecht zielte. Der Aufschrei war gewaltig, die Parteispitze ruderte zurück.

Um die Piraten ist es wieder still geworden, auch die Grünen haben sich beruhigt. In diesem März hatte deren Bundestagsfraktion ein Positionspapier beschlossen, das „Grüne Impulse zur Soloselbständigkeit in der Kreativwirtschaft“ [PDF] geben soll. Das ist nicht bloß ein wohlformulierter Abriss der gegenwärtigen Lage samt Vorschlägen, wie die besser werden soll, sondern bietet erstmals ein Gesamtkonzept für die Kreativbranchen (zu denen auch der Film gehört), das die Arbeitsbedingungen und die Sozialsysteme mit einschließt. Das bringt zwar auch die SPD, aber das grüne Papier wirkt in sich geschlossener und schlüssiger – vielleicht auch, weil ein Großteil der Beispiele aus der Filmbranche kommt, deren besondere Probleme erkannt werden.

Auf dieser Linie liegen auch die Koalitionsvereinbarungen der rot-rot-grünen Landesregierungen in Thüringen 2014 [PDF] und Berlin 2016 [PDF]. Und auch in Bayern regen sich die Grünen: Im Mai sondierte sie mit zwei Podiumsdiskussionen die Lage der Filmschaffenden – als erste Partei überhaupt.

 

FDP

Wenn die CDU bloß an den „Trickle-down-Effekt“ glaubt, ist er für die FDP ein Naturgesetz. Nur starke Kühe geben Milch, fordern statt fördern – der Gedanke zieht sich auch durchs neue Wahlprogramm. Unterm Thema „Wirtschaft“ ist da zu lesen: „Ohne eine starke Wirtschaft ist alles nichts: Sie schafft Arbeitsplätze, so dass Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen können. Sie sorgt für Steuereinnahmen, aus denen Rechtsstaat, Infrastrukturen, Kultur- und Sozialstaat finanziert werden.“ Das klingt dann doch wieder mehr nach Glauben als nach Naturgesetz: „Ich bin der Herr, der alles bewirkt, der ganz allein den Himmel ausgespannt hat, der die Erde gegründet hat aus eigener Kraft“, heißt es schon seit fast 3.000 Jahren im Buch Jesaja, der allerdings einen anderen Gott verehrt (und wie es weiter geht, dürfte auch nicht jedem gefallen).

Ein paar alternative Fakten sind also zur Ergänzung des Glaubens nötig: Der Sozialstaat wird über die Sozialbeiträge finanziert, die Arbeitgeber („Wirtschaft“) und Arbeitnehmer zu gleichen Teilen tragen. Die Steuereinnahmen für alles andere betrugen 600 Milliarden Euro im Jahr 2012. Mehr als die Hälfte davon kam aus Lohn- und Umsatzsteuer, eben den Menschen, die der Wirtschaft ihre Arbeit zur Verfügung stellen.

Auch die Liberalen schwärmen in ihrem Wahlprogramm von der Kreativbranche und ihrer schönen neuen Arbeitswelt, von Gründergeist und Aufbruchstimmung, der man möglichst breit den Weg ebnen sollte, sich zu entfalten. Frei und selbstbestimmt und ungezwungen ohne die Stricke eines sozialen Netzes.

Der Deutsche Kulturrat hatte es schon vor der letzten Wahl etwas genauer wissen wollen. Der Frage nach der Einbindung in die gesetzlichen Sozialversicherungssysteme wich die Partei aus, die aktuellen Regelungen zum Arbeitslosengeld I hielt sie vorerst für ausreichend [PDF]. Überleben hält fit.

Das klingt jetzt plakativ, doch die FDP sagt das selbst, drückt sich nur netter dabei aus und nennt das alles „Soziale Marktwirtschaft erneuern“. Diesen rhetorischen Kniff versuchte sie schon vor vier Jahren: „Die Künstlersozialversicherung ist eine der tragenden Säulen der sozialen Absicherung vieler Kreativer“, schieben sich die Liberalen 2013 im Wahlprogramm [PDF], um sogleich eine Kehrtwendung zu vollziehen: Das müsse freilich „reformiert“ werden. Die Partei sorgte sich nicht etwa um den Fortbestand der Sozialversicherung für freie Künstler, sondern fürchtete, dass deren Auftraggeber womöglich zu viel zahlen könnten.

Im neuen Parteiprogramm hat sich das nicht geändert. Thema Pflege? »Kapitalgedeckte Eigenvorsorge« stärken! Die Rente soll »enkelfit« werden, das Steuersystem eigene Anstrengungen belohnen. Doch allerorten behinderten Bürokratie und „Bevormundungsmentalität“ den Wettbewerb zum Wohle aller. Dagegen hat die Partei quer durchs Programm für alle Probleme zwei Universallösungen parat: „Selbstbestimmung in allen Lebenslagen“ und mehr Wettbewerb. Nur „Soziales“ oder „Arbeitsmarkt“, also Vorstellungen zu den arbeitsrechtlichen Rahmenbedingungen nach der vierten industriellen Revolution, sucht man da vergeblich. Wer so dynamisch und flexibel ist, verschwendet nämlich keinen Gedanken an Vorsorge oder Absicherung. Vielleicht gefällt das der FDP so an der Branche mit ihren unstetigen, befristeten, rastlosen Beschäftigten.

 

Die Linke

„Die Linken haben keine Filmpolitik. Sie haben eine Sozialpolitik, die sich halt prima auf die Filmbranche anwenden lässt“, meinte neulich einer aus der Filmbranche bei einer Veranstaltung. Der Eindruck kann entstehen, zumal die linke Sozialpolitik am klassischen geregelten Arbeitsverhältnis ausgerichtet ist. Argwöhnisch beäugt die Linke die filmtypische Solo-Selbständigkeit und möchte sie stärker regulieren.

Tatsächlich haben Die Linken ebenfalls ein Gesamtkonzept mit ihrem eigenen Blickwinkel. Wenn man CDU und FDP vorhalten will, sie achteten nur auf die Wirtschaft und übersähen die Beschäftigten, dann muss sich Die Linke das umgekehrt gefallen lassen.

Wobei die Partei auch gerne missverstanden wird: Das Ziel, dass alle 50 Kilometer in Deutschland ein Kino stehen solle, erscheint auf den ersten Blick allzu idealistisch – in Wahrheit zeigt es Weitblick: Wo und wie soll sich Filmkultur sonst entwickeln? Gerade in einem Land, das es keine zwei Mal im Jahr ins Kino schafft und die eigenen Schauspieler nicht mit Namen kennt.

Im vorigen Jahr stellte die linke Bundestagsfraktion einen eigenen Antrag zur Neufassung des FFG [PDF]. Kernforderung: Tarifbindung für geförderte Produktionen. Es sei nämlich „unglaublich, dass der Entwurf der Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters (CDU), mit keinem Wort die prekären Arbeitsbedingungen in der Filmbranche thematisiert“, sagte Harald Petzold, medienpolitischer Sprecher der Fraktion. Der Antrag wurde von der Regierungsmehrheit aus CDU und SPD abgelehnt, die Grünen enthielten sich.

Im Mai vorigen Jahres hatte Die Linke auch in Hamburg einen Vorstoß versucht. Sie beantragte in der Bürgerschaft einen „Sozialen Drehpass“, kurz: Tarifbindung für Projekte, die von der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein unterstützt werden. Die anderen Parteien lehnten den Antrag einstimmig ab. Die AfD witterte „den Tod der deutschen Filmwirtschaft“, die CDU mahnte vor „mehr Bürokratie und Unfreiheit statt Kreativität“, und auch die Hamburger Sozialdemokraten und Grünen wollten das nicht als eine Aufgabe der Filmförderung sehen, welche die ohnehin nicht erfüllen könne.

Wie die linken Vorstellungen sich in die Praxis umsetzen lassen, führt die Partei zur Zeit in den Landesregierungen von Thüringen und Berlin vor. In der Hauptstadt, wo sie den Kultursenator stellt, hat sie mit SPD und Grünen vereinbart, dass das Medienboard „in Zukunft“ nur noch Projekte fördern soll, die „sozialverträglichen und ökologischen Standards gerecht“ werden. Noch hat die Zukunft nicht begonnen.

 

 

AfD

Die Partei der besorgten Bürger verblüffte eine Zeit lang durch ihre Popularität, distanziert sich im Wahlprogramm 2017 auf Seite 47 aber selbst von allem, was sie da sonst so äußert und bisher geäußert hat: „Die AfD bekennt sich zur deutschen Leitkultur. Diese fußt auf den Werten des Christentums, der Antike, des Humanismus und der Aufklärung.“ Aha.

Zur Filmpolitik fällt ihr übrigens nichts ein.

 

 

 

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Roter Teppich zum Träumen – Neues aus der Traumfabrik: SMS Self Made Shorties Festival 2017

(c) Erik Mosoni

Als 17-Jähriger verlässt „Karl“ Lämmle 1884 Oberschwaben und wandert aus in die USA. 50 Jahre später ist Carl Laemmle ein legendärer Hollywood-Produzent und Boss eines internationalen Filmkonzerns. Nach seinem Tod 1939 droht er immer mehr in Vergessenheit zu geraten, obwohl er Unvergessliches geschaffen hat. Carl Laemmle gründet die Universal Studios und macht Hollywood zur Traumfabrik. Unter seiner Ägide entstehen Filme und Figuren, die sich ins Gedächtnis einbrennen wie „Dracula“ oder „Die Mumie“. Er setzt als Marketinggenie und Global Player Maßstäbe. Und er rettet zahlreichen Menschen das Leben.

Was hast Du geträumt, wovon träumst Du, was sind die Lebensträume die Dich leiten – oder die Alpträume, die Dich, womöglich, plagen? – Du träumst von Deinem eigenen Film? Dann mach ihn! Werde Filmfabrikant / Filmfabrikantin in Deiner eigenen Traumfabrik.

Unter dem Motto: Mein Traum – Neues aus der Traumfabrik gaben SchauspielervideosCrew United und die ZAV Künstlervermittlung in Zusammenarbeit mit Casting NetworkCinearte und Out Takes Schauspielerinnen und Schauspielern in Deutschland, Österreich und der Schweiz zum vierten Mal die Chance, ihre Persönlichkeit in einem kurzen Film (max. drei Minuten) vorzustellen.

Am Freitag, den 23.06.2017 präsentierte dann die hochkarätige Jury bestehend aus: Franziska Aigner, Johannes Fabrick, Deborah Congia, Dr. Liane Jessen, Susanne Ritter, Anita SchneiderFlorentine Schara und Tim Seyfi  in einem vollbesetzten Kinosaal im Cinemaxx München die vorausgewählten 15 Self Made Shorties.

Im Folgenden ein paar Impressionen der Veranstaltung, Stimmen, weitere Eindrücke und natürlich die Gewinner-Shorties:

1. Platz SMS Self Made Shorties 2017: Kevin Patzke

2. Platz SMS Self Made Shorties 2017: Christian Ludwig

3. Platz SMS Self Made Shorties 2017: Jürgen Heimüller & Christoph Bangerter

(c) Erik Mosoni

Hier findet man die Shorties aller Nominierten: https://www.schauspielervideos.de/ecasting/ergebnis/sms-festival-2017

Stellvertretend für die vielen tollen Shorties, die es leider nicht in die Auswahl der 15 Nominierten geschafft haben, hat Urs Cordua eine Compilation mit Ausschnitten weiterer Traum-Shorties zusammengestellt:

Und wenn Ihr möchtet, gebt doch unter diesem Beitrag einen Kommentar ab und verweist per Link auf Euren Shorty mit Eurem Namen! Bis zum nächsten SMS Self Made Shorties Festival und 1000 Dank an alle, die mitgemacht haben!

Wir danken für die freundliche Unterstützung der Pensionskasse Rundfunk für die Finanzierung dieses Beitrages.

Banner Pensionskasse_cn_2500x600

Das 4. Self Made Shorties – Festival ist eine Veranstaltung von crew united & schauspielervideos in Kooperation mit casting-network und out takes, unterstützt von cinearte .

Grafische Gestaltung: Cernodesign

Konzeption und Beratung: ZAV Künstlervermittlung.

Daniel Philippen von der ZAV – Erfinder, Macher und Seele der SMS-Festivals (c) Erik Mosoni

dsafdas

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Cinema Moralia – Folge 157: Die Banalität des Dösens

Nach den neuen Leitlinien nicht mehr förderungwürdig: François Ozons FRANTZ – (c) X Verleih AG

50 Jahre FFG sind genug! Aber um das zu merken, muss man aufwachen – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kino­ge­hers, 157. Folge

»Der schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt ihre Fahn /
Und führt die Sternen auff. Der Menschen müde Scharen
Verlassen feld und werck / Wo Thier und Vögel waren
Trawert itzt die Einsam­keit. Wie ist die zeit verthan!«

Andreas Gryphius, »Abend«

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»Ich bin in der Kriti­schen Theorie zu Hause. Die Kritische Theorie sagt, dass es immer einen Ausweg gibt. Wenn die Wirk­lich­keit den Menschen demütigt und entmün­digt, dann glauben wir eben nicht an diese Wirk­lich­keit. Dann behalten wir uns vor, eine andere zu wählen.« – so Alexander Kluge im aktuellen »Philo­so­phie Magazin« (4/2017). Diese Sätze enthalten alles, was deutsche Filme­ma­chen wissen müssen, um mit der Förderung ange­messen zu verfahren – wenn sie nicht Bomben
bauen wollen.
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Seit Jahren bereits betreibt die deutsche Film­för­de­rung eine Art Live-Selbst­mord, eine Selbst­ent­lei­bung vor Publikum. Man kann dabei zugucken, wie die Förderung sich selbst abschafft und zu einem Punkt führt, an dem keiner mehr begreift, wozu es sie überhaupt noch gibt. Dieser Punkt ist nahe. Nach der FFA-Entschei­dung vom Dienstag ist die deutsche Film­för­de­rung einen großen Schritt weiter – auf diesem Weg ohne Wieder­kehr, dem Weg in den Abgrund.
+ + +
Der FFA-Verwal­tungsrat hat am Dienstag neue Leit­li­nien für die Projekt­för­de­rung verab­schiedet. Es war immerhin keine einstim­mige Entschei­dung, sondern eine Kampf­ab­stim­mung. Schon der erste satz dieser Leit­li­nien ist – denkt man einen Augen­blick nach – komplett absurd:
»Die FFA sollte – im Rahmen der gesetz­li­chen Vorschriften – Kinofilme fördern, die einen hohen quali­ta­tiven Anspruch haben sowie glei­cher­maßen absolut und/oder relativ wirt­schaft­lich erfolg­reich im In- und Ausland ausge­wertet werden können (wirt­schaft­lich-kultu­reller Film­be­griff)«
Das »glei­cher­maßen« macht sprach­lich/gedank­lich keinen Sinn. Zudem kann wirt­schaft­li­cher Erfolg auch meinen: Ein Film der 1000 Euro gekostet hat, kann mit 1100 Euro Einnahmen, wirt­schaft­lich 10% Gewinn machen. Das meint die FFA aber nicht.
Endgültig ad absurdum führt den Satz das Wort »können«. Das heißt alles und nichts. Es meint ein Potential. Alle können. Entschei­dend bleibt subjek­tives Zutrauen. Weiterlesen

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Bei den deutschen Produ­zenten bewirkt die Pres­se­mit­tei­lung gelinde Panik. Die dürfte über­trieben sein. Die neuen FFA-Richt­li­nien sind nicht verbind­lich und werden an den herr­schenden Verhält­nissen leider auch zum Schlechten nichts ändern, Sie sind keine Revo­lu­tion von Rechts. Typisch für den deutschen Film ist das Weiter­wursch­teln im Schlechten.

+ + +

Der Film­pro­du­zent Martin Hagemann hat dazu gestern auf Facebook Tref­fendes gepostet:
»Welche Filme wollen wir? Wo ist unser Publikum? Der Verwal­tungsrat der FFA hat gestern entschieden, seinen Gremien Leit­li­nien an die Hand zu geben. Darin werden neben einigen EU-subven­tions-recht­li­chen Beschwich­ti­gungs­for­meln (»kultu­relle Erwä­gungen«) Marken gesetzt, nach denen in Zukunft erfolg­reiche von nicht-erfolg­rei­chen Projekten in den Förder­gre­mien unter­schieden werden sollen.
Förde­rungs­würdig sind nach Meinung des Verwal­tungs­rats Spiel­filme mit einem Budget ab 2.5mio€ und zu erwar­tenden 250.000 Zuschauern, beim Doku­men­tar­film sind es ein Mindest­budget von 500.000€ und 50.000 zu erwar­tenden Zuschauern.
Statt jetzt über diese für die FFA-Gremien nicht verbind­li­chen Leit­li­nien zu lamen­tieren, müssen halt dieje­nigen, die an einem leben­digen Kino und Filmen inter­es­siert sind, welche jenseits kurz­fris­tiger Renta­bi­litätsüber­le­gungen und Banal-Enter­tain­ment-Stra­te­gien entstehen, ihre Inter­essen außerhalb der heime­ligen Insti­tu­tionen selber in die Hand nehmen.
Die Inter­essen des leben­digen Kinos können gar nicht von dem soge­nannten selbst­er­nannten »Parlament des deutschen Films«, dem Verwal­tungsrat der FFA, vertreten werden; da helfen aber auch nicht die banal-ökono­mis­ti­schen Regio­nal­in­ter­essen vieler Länder­för­derer und da wird auch die erhöhte Förderung der BKM mit ihren »freien Jurys für den künst­le­ri­schen Film« nichts ändern, wenn die Autoren und Auto­rinnen, Regis­seu­rinnen und Regis­seure, Produ­zen­tinnen und Produ­zenten, die Filme­ma­cher und -mache­rinnen, die von der Notwen­dig­keit eines anderen Kinos und entschie­de­neren Filmen überzeugt sind, nicht anfangen, ihr Publikum zu suchen und hoffent­lich auch zu finden. Denn darin liegt die ganze Crux derje­nigen, die sich zu Recht über immer stumpfere Förder­po­litik und den immer stump­feren deutschen Film aufregen: der publi­kums­lose Festi­val­film ist dabei, ins Museum und auf die SVOD-Plattform zu wandern, mit denen es sich auch einrichten und eini­ger­maßen frei arbeiten lässt. Das verändert aber auch die Filme und ist dann nicht mehr Kino, ist nicht mehr Öffent­lich­keit, ist nicht mehr Filmkunst.«

+ + +

Um die Zahlen, die sich die Popcorn-Film­för­der­an­stalt als Kriterium gesetzt hat, zu verdeut­li­chen, hier die Liste der 2016 gestar­teten FFA-geför­derten Filme, geteilt in ERFOLGREICH / NICHT ERFOLGREICH (gemäß neuer FFA-Leitlinie).
Die Zuschau­er­zahl von 250.000 haben folgende 25 in 2016 gestar­tete FFA geför­derte Filme NICHT erreicht, Filme dieser Art sollen es in Zukunft nach Meinung des Vorstands, des Präsi­diums und des Verwal­tungs­rats bei der FFA schwerer haben:

God Of Happiness
Frauen
Die Reise mit Vater
Babai
Jonathan
LenaLove
Jeder stirbt für sich
allein

Liebe Halal
Ente gut! Mädchen allein zu Haus 
Wild
Die Mitte der Welt
Unsere Zeit ist jetzt
Mänge­l­ex­em­plar
Nebel im
August

Radio Heimat
Marie Curie
Antonio, ihm schmeckt’s nicht!
Gleißendes Glück
El Olivo – Der Oliven­baum
Grüße aus Fukushima
Verrückt nach Fixi
Robbi, Tobbi und das Flie­wa­tüüt
Frantz
Mullewapp
Ein Hologramm für den König

Die weiter unten stehenden 18 in 2016 gestar­teten und von der FFA geför­derten Filme, erreichten dagegen jeweils über 250.000 Zuschauer, es sollten nach Meinung des Verwal­tungs­rats in Zukunft solche Filme stärker gefördert werden.
Auffällig ist dabei der hohe Anteil an Kinder- und Jugend­filmen unter den nach Meinung der FFA erfolg­rei­chen deutschen Filmen. Genau die Hälfte der geför­derten und gemäß Leit­li­nien erfolg­rei­chen Filme sind für das jüngere und jüngste Publikum. Dies erinnert übrigens fatal an die Anfangs­jahre des FFG, ich erinnere mich (leider) noch gut an das »Lümmel von der ersten Bank« – Franchise der 60er.
Wenn man sich die derzei­tige Entwick­lung dieser spießigen deutschen Variante der ameri­ka­ni­schen Superhero-Fran­chises anschaut, kann man jetzt schon die Voraus­sage wagen, dass eine konse­quente Umsetzung der Leit­li­nien der FFA diese selber in den nächsten Jahren direkt Gegen die Wand setzen würde (letzterer Titel steht übrigens auch für eine Art von Film, die nicht mehr gefördert werden würde, da das Budget viel zu klein war).
Hanni & Nanni hatte in der Start­woche nur 135.000 Zuschauer, Conni & Co. 2 – Das Geheimnis des T-Rex ist nach 6 Wochen gerade mal bei 200.000 Tickets gelandet. In Zukunft mehr davon?
Hier die erfolg­rei­chen 2016er Filme nach FFA Auffas­sung:

Unfriend
Colonia Dignidad
Tschiller: Off Duty
Paula
Die Vampirsch­wes­tern 3 – Reise nach Trans­sil­va­nien
Das Tagebuch der Anne Frank
Rico,
Oskar und der Dieb­stahl­stein

Pettersson und Findus
Vier gegen die Bank
Die wilden Kerle – Die Legende lebt
Smaragd­grün
Conni und Co
Tschick
SMS für Dich
Toni Erdmann
Der geilste Tag
Bibi & Tina: Mädchen gegen Jungs
Will­kommen bei den Hartmanns

Für den Doku­men­tar­film sah es bei der FFA schon immer eher mau aus, hier zuerst die vier 2016 gestar­teten Doku­men­tar­filme, die zuvor FFA Förderung bekommen hatten und die nach den neuen Kriterien nicht mehr gefördert werden sollen (unter 50.000 Zuschauer und Budget zu klein)

Auster­litz
Cahier africain
Mali Blues
Transit Havanna

Auch der Film­preis­ge­winner »Bester Doku­men­tar­film« Cahier africain würde damit der »notwen­digen Selektion« (so bezog sich der Vorstand der FFA auf die Leit­li­nien), zum Opfer fallen.
Einziger FFA geför­derter und 2016 gestar­teter Doku­men­tar­film, der den neuen Kriterien genügte, war demnach:

Ein letzter Tango

Und die beiden anderen deutschen (nicht FFA geför­derten) Doku­men­tar­filme (von insgesamt 81 gestar­teten), die 2016 überhaupt die 50.000er Zuschau­er­schwelle über­springen konnten, waren:

Südafrika – Der Kinofilm
Power to Change – Die Ener­gie­re­bel­lion

Das ist die Lage. Bei allem Lamento müssen wir uns fragen, wo unser Publikum ist, und wie wir es in Zukunft erreichen wollen und können. Ange­sichts der Digi­ta­li­sie­rung helfen uns dabei nicht mehr 50 Jahre alte Insti­tu­tionen, in denen vorwie­gend ältere Herr­schaften einem Busi­ness­model hinterher trauern, das von dem Mangel an Filmen und dem Mehr­fach­ver­kauf dieser Filme über eine geregelte Auswer­tungs­kas­kade (Kino-DVD-payTV-freeTV) bestimmt war.
Ich bin der Meinung, dass in Zukunft gewähr­leistet werden muss, dass die Macher und Mache­rinnen der Film­ent­wick­lung und Produk­tion während dieser oft lang­jäh­rigen Arbeit von dieser leben können (deutlich mehr Geld in die Entwick­lung), dass die Förde­rungen in einem bundes­weit abge­stimmten intel­li­genten Mix aus auto­ma­ti­scher, erfolgs­be­dingter Förderung und Gremi­en­ar­beit ihre Arbeit gemeinsam machen (erster Schritt: jeder Erst­för­derer geht mit 35% in ein Projekt). Dazu
bedarf es der Politik, die das film­po­li­ti­sche Heft in die Hand nehmen muss. Dazu bedarf es aber auch der Bereit­schaft des noch leben­digen Teils der Branche, sich endlich über moderne Kriterien einer kultu­rellen Film­för­de­rung, die neben der Produk­tion auch all den Kinos hilft, die sich dem moderenen, publi­kums­nahen kultu­rellen Kino­ma­chen verschrieben haben, ausein­an­der­setzt.
50 Jahre FFG – 50 Jahre sind genug !
(disclo­sure: ich bin stell­ver­tre­tendes Mitglied im Verwal­tungsrat der FFA, war an der Abstim­mung über die Leit­li­nien beteiligt, ich bin ferner Stell­ver­treter in der BKM Verga­be­jury und Mitglied der AGDOK. Ich gehöre zu den älteren Semestern in diesen Insti­tu­tionen).

+ + +

Banalität ist ein gutes Stichwort. Es gäbe schon mal dein ganz einfaches – nicht zurei­chendes – Kriterium für bessere Film­för­de­rung. Die Produ­zenten, die die einge­reichten Zuschau­e­r­er­war­tungs­be­haup­tungen unter­schreiten, müssen im Verhältnis zur Unter­schrei­tung Förder­gelder zurück­zahlen. Das führt dazu, dass Produ­zenten in Zukunft nicht Zuschau­er­luft­schlösser malen, weil das auf sie selbst zurück­fällt.

+ + +

»Meine Haltung ist folgende: Wenn eine Wirk­lich­keit mich unwirt­lich behandelt, dann inter­es­siert mich nicht die Wirk­lich­keit oder die Wahrheit, sondern mich inter­es­siert der Ausweg. Wenn das Floß sinkt, können wir immer noch schwimmen lernen.« (Alexander Kluge)

+ + +

Das »Kurdische Film­fes­tival« in Berlin, das am Donnerstag-Abend eröffnet wird (bis einschließ­lich 21. Juni), findet zum 7. Mal statt. Aller­dings keines­wegs jährlich, sondern 2017 zum ersten Mal seit 2011. Grund dafür waren in erster Linie Geld­pro­bleme. In diesem Jahr ist das Festival vom Haupt­stadt­kul­tur­fonds gefördert. Es gibt aber weiterhin poli­ti­sche Schwie­rig­keiten: Die türkische Regierung protes­tiert und behindert das Festival erwar­tungs­gemäß, jene Erdogan-Versteher, die es sich nicht mit dem neuen Sultan von Ankara verderben wollen, reden dessen Menschen­rechts­ver­let­zungen klein, und unter­s­tützen keine Kurden, denn das könnte den Sultan erzürnen. Aber auch längst nicht alle Kurden­ver­treter unter­s­tützten in der Vergan­gen­heit das Festival.
Es laufen 28 Filme, davon 11 Spiel­filme, 8 Doku­men­tar­filme, 9 kurze und mittel­lange Filme im Programm, hinzu kommen drei längere Diskus­si­ons­pa­nels (über »Kurdische Identität im Kino«, »Filme­ma­chen im Krieg« und »Frauen im kurdi­schen Kino«) sowie eine Master­class mit der deutsch-kurdi­schen Regis­seurin Ayce Polat am Woche­n­ende.
Zuletzt waren 60 Prozent der Besucher Einwan­derer (größ­ten­teils kurdisch & türkisch), 40 Prozent Deutsche.

+ + +

Aber was überhaupt heißt »kurdisch«? Ist dies eine Sprache, eine Ethnie, eine Religion, eine Region, ein Staat? Dies genau ist das Problem, die Frage, die das Festival ausloten will. Es gibt größere Gruppen von Kurden in fünf Staats­ge­bieten: Der Türkei (= nach kurdi­scher Sprach­re­ge­lung »Nord-Kurdistan«; Syrien = »West-Kurdistan«; Irak = »Süd-Kurdistan«; Iran = »Ost-Kurdistan«; und im Gebiet der ehema­ligen UdSSR. Im Irak hat man de facto Unab­hän­gig­keit, auch weil die Staats­macht so schwach ist, da gibt es Versuche, einen eigenen Staat zu errichten. In Syrien herrscht Krieg und Kurden fungieren als Verbün­dete des Westens, in der Türkei dagegen sind sie »Terro­risten«, im Iran herrscht Totschweigen. In allen Regionen gibt es verschie­dene inner­kur­di­sche Fronten, auch Streit und unter­schied­liche Radi­ka­li­sie­rungs­grade: Manche wollen eigenen Staat, manche unab­hän­gige Regionen, wieder andere einfach Aner­ken­nung als Volks­gruppe. Es gibt ca 57 Mio Kurden in der Welt, ca ein Drittel im Exil. Es gibt am ehesten ethnische Homo­ge­nität, aber keine gemein­same Religion, kein klares rein kurdi­sches Gebiet.
Denn Filme, die hier laufen, geht es einer­seits darum, das Leben und den Alltag zu zeigen, die Norma­lität jenseits der Schlag­zeilen. Ande­rer­seits gibt es diese Norma­lität nur einge­schränkt: Vieles ist von Unter­drü­ckung, Krieg, von Exil geprägt. Das Festival wirft auch einen Blick auf die Hete­ro­ge­nität der Region: Es sind eben alle (Ausnahme Iran) Viel­völ­ker­staaten.
Die Filme zeigen auch einen Kampf um Deutungs­ho­heit des »Kurdi­schen«.

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Im »Philo­so­phie Magazin« 4/2017 findet sich ein sehr schönes Gespräch mit Alexander Kluge. Darin auch diese Beschrei­bung: »Ich sammle die Kräfte, die wir der Wirk­lich­keit entge­gen­setzen. Das findet in verschie­denen Formen statt. Wenn ich einen Film mache, muss ich mit vielen Leuten zusam­men­ar­beiten. Das ist beim Schreiben anders. Da bin ich Autokrat. Da kommt mir nichts in die Buch­staben, was ich nicht selbst vertrete. Aber abgesehen davon sind das nur verschie­dene Mittel, um mich auszu­drü­cken. Um Schuhe oder Mobil­te­le­fone herzu­stellen, brauchen wir Arbeits­tei­lung. Beim Denken hindert das. »

(To be continued)

Unter dem Titel »Cinema Moralia« sind auf artechock in loser Folge Notizen zum Kino zu finden, aktuelle Beob­ach­tungen, Kurzkri­tiken, Klatsch und Film­po­litik, sowie Hinweise. Eine Art Tagebuch eines Kino­ge­hers.

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Klimawandel

Auf dem Podium (von links): Birgit Heidsiek, Herausgeberin „Green Film Shooting“; Christian Dosch, Koordination Fairness und Nachhaltigkeit bei Crew United; Ulrike Gote, Moderatorin und Medienssprecherin der bayerischen Grünen; Josef Wollinger, Oberbeleuchter und geschäftsführender Gesellschafter des Rental-Unternehmens 4rent; Sanne Kurz, Kamerafrau und Lehrbeauftragte an der BAF und der HFF München. | Foto © Grüne Fraktion Bayern

Auf dem Podium (von links): Birgit Heidsiek, Herausgeberin „Green Film Shooting“; Christian Dosch, Koordination Fairness und Nachhaltigkeit bei Crew United; Ulrike Gote, Moderatorin und Medienssprecherin der bayerischen Grünen; Josef Wollinger, Oberbeleuchter und geschäftsführender Gesellschafter des Rental-Unternehmens 4rent; Sanne Kurz, Kamerafrau und Lehrbeauftragte an der BAF und der HFF München. | Foto © Grüne Fraktion Bayern

Film und Fernsehen sind die größten Umweltsünder, fand eine Studie der University of California heraus. Die Film- und Fernsehindustrie trage stärker zur Luftverschmutzung in der Region Los Angeles bei als die anderen fünf untersuchten Branchen. Nur die Erdölindustrie war schlimmer. „Man spricht von einer ,Industrie‘, Aber wir Sehen sie nicht als Industrie”, erklärte Mary Nichols, die das Umweltinstitut der Universität leitet. „Wir denken an die kreative Seite, den Film, die Leute, die Schauspieler – wir denken nicht daran, was es braucht, dieses Produkt herzustellen.“

Damals war Arnold Schwarzenegger noch Gouverneur in Kalifornien, die Studie ist zehn Jahre alt, und es hat sich viel getan. Inzwischen haben die Majors in den USA alle ein grünes Pflichtenheft, NBC hat für sein grünes Gewissen sogar eine eigene Website: Green is Universal!

Und hier? Das wollten auch die bayerischen Grünen wissen und stellten mögliche Bedenken gleich in den Titel: „Perfekter Film und ökologisch-soziale Filmproduktion – eine unbezahlbare Utopie?“ Es war die zweite Podiumsdiskussion zur „Nachhaltigkeit in der Filmwirtschaft“ – die erste zwei Wochen zuvor hatte sich um Arbeitsbedingungen und soziale Lage der filmschaffenden gedreht und war teilweise heftig verlaufen. Am Montag voriger Woche ging es um Technik und Umwelt. Weiterlesen

Den Filmschaffenden brennt das Thema offenbar weniger auf der Seele. Die Veranstaltung war nicht ganz so stark besucht wie die erste, aber immer noch merklich besser, als zu befürchten war. Hollywood ist weit, den Deutschen Film plagen andere Sorgen … es ist ja auch nicht einfach zu vermitteln, wieso die Polkappen besser noch eine Weile vereist bleiben sollten und andere Probleme dagegen plötzlich nichtig und klein werden.

Zur Einführung hielt Philip Gassmann den Zustand der Filmwelt fest. Der Experte für Grüne Filmproduktion ist seit Februar Nachhaltigkeitsmanager bei der Bavaria. Im Vergleich besetzt Deutschland in seiner Liga keinen guten Platz, doch es gibt auch Hoffnung. Die Bavaria etwa baut den Unternehmenssitz in Geiselgasteig seit vier Jahren zum klimaneutralen Produktionsstandort mit Geothermie und Strom aus Wasserkraft um. Der ökologische Fußabdruck sei inzwischen um 97,5 Prozent gesunken. Das ist zwar eine relative Größenordnung, klingt aber gut. Auch bei den Sendern werde umgedacht, „Grünes Drehen“ soll allmählich zum Kriterium bei der Vergabe von Aufträgen werden. Und im neuen Filmförderungsgesetz wird erstmals die „Berücksichtigung ökologischer Belange“ erwähnt.

Anderswo in Europa sei beim Thema Nachhaltigkeit schon viel mehr im Gange. Die flämische Filmförderung in Belgien etwa setze an Kinofilme „grüne“ Anforderungen, berichtete Birgit Heidsiek, Herausgeberin von „Green Film Shooting“. Sie sieht Deutschland erst am Anfang. „Andererseits: Vor fünf Jahren hätten wir gar nicht hier gesessen.“

Das Thema ist wirklich erst am Anfang. Nicht nur in Deutschland. Heidsiek erzählt den „Green Awards“ in Deauville in der Normandie. Ein Festival für Filme zu Umwelt und Nachhaltigkeit, mit drei Wettbewerben, 14 Kategorien und zahllosen Preisen (bis zu 16 in diesem Jahr). „Alle dort haben ein sehr grünes Mindset.“ Aber begutachtet werden die Filme wie überall nach ihrem Inhalt. Nicht, unter welchen Bedingungen sie entstanden sind. Manchmal sieht man auch durch die grüne Brille den Wald nicht mehr, weil man nur auf die Bäume starrt.

Am Geld soll es jedenfalls nicht liegen. Wer nachhaltig mit seinen Ressourcen umgeht, kann durchaus Kosten sparen. Gassmann zeigte die Alternativen für Transport, Licht und Energieversorgung. Das Problem: Die Technik ist zwar da, aber nicht zu haben. Denn das erforderte von den Geräteverleihern Investitionen, die sie wieder einspielen müssen – aber nicht können. „Verleiher sind das Plankton in der Nahrungskette – ganz unten“, sagte Gassmann in seiner Einführung: Das Geld ist schon weg, bis sie an der Reihe sind. Tatsächlich sind die Preise im Keller, rechnet der Geräteverleiher Josef Wollinger vor: 100 Drehtage galten einst als Faustregel, bis eine Neuanschaffung sich amortisiert hat. Heute seien es 400.

Seltsam. Dabei produziert doch die Mehrheit der deutschen Produzenten „bereits teilweise oder überwiegend auf der Grundlage ökologischer Kriterien.“ Das meldete jedenfalls die Produzentenallianz im Januar als Ergebnis ihrer alljährlichen Mitgliederbefragung, und SPIO-Präsident Alfred Holighaus nannte eine ähnliche Größenordnung im Februar vor dem parlamentarischen Beirat für nachhaltige Entwicklung des Deutschen Bundestags – das Thema ist bereits in der Politik, und die ist in der Pressemitteilung zur Anhörung deutlich: „Filmbranche: In Sachen Nachhaltigkeit muss was passieren.“

Umso wichtiger, dass die Branche sich hier selbst an die Gestaltung macht, meinte Christian Dosch, bei Crew United für die Themen Fairness und Nachhaltigkeit zuständig: An runden Tischen solle die Branche in zwei Jahren die Fragen und Vorschläge sammeln. Denn es geht wohl auch nur gemeinsam: Das Investitionsproblem hat der Verleiher, die Ersparnis hat der Produzent, brachte es Dosch zusammen. „Wie schaffen wir also einen Anreiz?“

Für einen Moment murmelte das Wort „Abwrackprämie“ durch den Raum, doch Ulrike Gote, medienpolitische Sprecherin der Bayerischen Grünen und Moderation der Diskussion, dachte weiter: „Genau hier müssen Förderprogramme ansetzen, um die Branche in die Zukunft zu führen!“

Doch es geht gar nicht so sehr um die Technik, sagte ausgerechnet der Geräteverleiher, sondern um die Einstellung. Wie sieht es denn dann an den Filmschulen aus – ist Nachhaltigkeit ein Thema? Definitiv, meinte Wollinger. An der HFF München offenbar nicht, berichtete dagegen Sanne Kurz, Kamerafrau, Absolventin und und Lehrbeauftragte der Filmschule: Im Curriculum sei es nicht vorgesehen, es gebe kaum Kurse dazu. Sie würde sich ein Pflichtseminar zur ökologisch nachhaltigen Filmproduktion wünschen. Denn wenn bei der neuen Generation der Filmemacher und kein Bewusstsein für das Thema geweckt wird, werde sich weiterhin nichts ändern.

Die Kamerafrau hatte sich schon zum Einstieg mit einer überraschend selbstlosen Ansicht vorgestellt: in US-Produktionen werde sehr vieles mit CGI gemacht, das hier noch gedreht wird. „Ich bin DoP, aber vieles erst gar nicht mehr zu drehen, spart den meisten Strom.“

Die gesamte Diskussion sehen Sie hier.

 

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Fernsehen ist tot – Es lebe das Geschichtenerzählen

pablo (21)

Im Herbst 2016 hat Oliver Schütte ein E-Book zur Zukunft des Fernsehens in Deutschland herausgebracht. Dabei analysiert er die Entwicklungen, die heute bereits in Ansätzen vorhanden sind und prolongiert sie in die Zukunft. Hier findet Ihr zusammengefasste Auszüge aus dem Buch „Fernsehen ist tot – Es lebe das Geschichtenerzählen“.

Bügelfernsehen und Kostendruck
Oliver Schütte prognostiziert, dass im Jahr 2025 das klassische Fernsehen nur noch ein „Nebenbei-Medium“ sein wird. So, wie es schon einmal dem Radio ergangen ist, das noch in den 1970er Jahren anspruchsvolle Hörspiele und Features gesendet hat, heute aber fast nur noch im Auto gehört und nicht mehr als eigenständiges Nutzungsobjekt wahrgenommen wird, reduziert sich auch das Fernsehen immer mehr zur Hintergrundberieselung. Das sei heute bereits am Programm vor 18:00 Uhr erkennbar (sogenanntes „Bügelfernsehen“). Die erzählerische Konsequenz dieser Entwicklung ist, dass fiktionale Sendungen auch ohne Bilder verstanden werden müssen. Es gilt also, alle wichtigen Informationen auf der Sprachebene zu vermitteln und komplexe Figuren oder Handlungsstränge zu vermeiden. Da nicht sehr viele Zuschauer diesem Programm folgen, müssen die Sendungen kostengünstig hergestellt werden. Schütte meint, dass der Kostendruck weiter zunehmen wird und auch das Programm am Abend, in der Prime Time, der eigentlichen Domäne des fiktionalen Erzählens, immer weniger kosten dürfe. Dies wird spürbare Auswirkungen auf die Qualität der Formate haben. Dann beginnt ein Teufelskreis, weil ein schlechtes Programm noch weniger Zuschauer anziehen wird. Die Zuschauer, die anspruchsvollen Filmen folgen wollen, werden das auf andere Weise tun. Dem abendlichen Fernsehen wird das gleiche Schicksal widerfahren wie dem vorabendlichen. Die Sender rühmen sich, dass die Nutzungsdauer des Fernsehens pro Tag gleich bleibt oder sogar steigt. Im April 2016 lag die tägliche Nutzungsdauer bei 223 Minuten. Geht man jedoch ins Detail, erkennt man, dass bei den Altersgruppen bis 49 Jahre der Fernsehkonsum zurückgeht. Der Anstieg ergibt sich aus Zuschauern der Altersgruppe über 50 Jahre. Die jüngere Generation schaut Filme wann und wo sie will. Weiterlesen

Streamingdienste
Wie so oft in der Geschichte der Bewegtbilder werden die Rezeptionsmöglichkeiten und die Vertriebswege von der technischen Entwicklung beeinflusst. Mit dem Internet kam auch das Videostreaming und der Nutzer hat die Möglichkeit, zu entscheiden, ob er Filme und Serien auf dem Smartphone, auf dem Tablet, auf dem Computer oder auf dem Fernseher ansieht. Das lineare Fernsehen ist ein Push-Produkt. So werden diejenigen Produkte bezeichnet, die wir erhalten, ohne explizit danach zu fragen. Pull-Produkte müssen wir uns dagegen holen. Streaming ist ein Pull-Produkt. Streaming bedeutet zunächst nur, dass die Nutzer das audiovisuelle Werk über das Internet sehen. Video-on-Demand bietet den Vorteil, dass das Werk ständig bereitgehalten wird und jederzeit abrufbar ist. Am meisten genutzt wird dies bei YouTube. Hinzu kommen sogenannte Subscription-Video-on-Demand-Dienste (SVoD), die ein Abo-Modell mit einem festgelegten Angebot anbieten, das uneingeschränkt abgerufen werden kann. Die beliebtesten Anbieter sind Netflix und Amazon, aber auch Hulu und HBO. In den USA besitzen 59 Prozent der Haushalte ein Abonnement eines SVoD-Anbieters, 47 Prozent begnügen sich dabei nicht mit einem einzigen Streamingdienst. Bei iTunes, die ebenfalls streamen, muss der Zuschauer für jedes Werk einzeln bezahlen, das er kaufen oder leihen kann. Es ist mit Sicherheit anzunehmen, dass im Jahr 2020 die Zuschauer einen sehr großen Teil ihrer audiovisuellen Produkte per Stream empfangen werden. Streaming Dienste haben einen für Anbieter unschlagbaren Vorteil: Während klassische Fernsehsender nur quantitativ bestimmen können, wie viele Menschen ihre Sendungen gesehen haben, wissen diese Dienste, was jeder Zuschauer wann, wo und wie lange schaut. Sie kennen also den Geschmack jedes einzelnen Nutzers. Insofern ist es ihnen möglich, zu bestimmen, welche Schauspieler, welche Handlungen und welcher Look bei welchen Nutzern gut ankommt. Dies ermöglicht ihnen auch, auf die Zuschauer zugeschnittene Filme anzubieten. Das klassische Fernsehen versucht, mit seinen Sendungen ein möglichst breites, zahlenmäßig großes Publikum anzusprechen. ARD und ZDF legen die Quote als Überlebensmaßstab an. Sie versuchen die magischen zehn Prozent unter keinen Umständen zu unterschreiten. Denn dann, so die Angst, würde die Diskussion über die Rundfunkgebühren erst richtig losgehen. Das führt zu Produkten, die mit vielen Kompromissen versehen sind. Also nichts Zugespitztes, nichts Originelles. Das Programm, das den geringsten Widerstand erzeugt, wird ausgestrahlt. Streaming-Dienste haben ein anderes Modell als die klassischen Sender, sie wollen dieses breite Publikum gar nicht, weil sie mit jedem einzelnen Produkt eine ganz bestimmte Zielgruppe oder auch Nische treffen wollen und das reicht ihnen dann auch. Deshalb geben auch Netflix und Amazon die Zahlen über ihre Abonnenten nicht raus. Sie müssen sie ja auch keinem Werbekunden erklären. Ihr Geschäftsmodell: man spricht über das Programm, was man bei den Streamingdiensten sehen kann und dadurch gewinnen sie neue Abonnenten. Ihre Kunden müssen bereit sein, zu zahlen – derzeit im Durchschnitt 110,00 Euro im Jahr. Die Zuschauer werden diesen Preis nur zahlen, wenn sie bei dem jeweiligen Streaming-Dienst etwas bekommen, das sie nirgendwo anders sehen können. Dies sind weniger die eingekauften Spielfilme, die in den Kinos liefen, als vielmehr die eigenproduzierten Sendungen. Aber auch hier werden die Zuschauer nur neugierig, wenn sie das Gefühl haben, etwas Spezielles zu erhalten. Bei den frei empfangbaren linearen Sendern sehen sie Filme, die auf den Massengeschmack zugeschnitten sind. Die Streaming-Provider müssen also etwas anderes bieten. Es wird nicht einmal zehn Jahre dauern, bis sich Streaming vollständig durchgesetzt haben wird. Revolutionäre technische Veränderungen setzen sich sehr schnell durch, wie schnell können wir uns bewusst machen. Eine hinterhältige Frage lautet: „Was war die beliebtest App bei der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland?“ Die Antwort erstaunt die meisten. Damals im Jahr 2006 gab es noch keine Apps, weil es noch kein iPhone gab. Das kam erst 2007. Trotzdem kommt es uns heute vor, als existierte es bereits ewig und wir können uns an die Zeit davor kaum erinnern, wie wir ohne Apps zurechtkamen.

The Future of TV is Apps
Im September 2015 veranstaltete Apple eine seiner bekannten Keynotes, und der CEO des Unternehmens, Tim Cook, kündigte eine neue Revolution an: „The Future of TV is Apps“. Er stellte fest, dass sich das Prinzip des Fernsehens seit seinem Bestehen nicht geändert habe. Fernsehen wurde nach Sendern organisiert. Mehr als 50 Jahre galt der Grundsatz, dass die Zuschauer nur das sehen konnten, was die Programme ihnen anboten. Das Fernsehen wird in der Zukunft nicht mehr von Sendern bestimmt, sondern von Apps. Wenn das Fernsehgerät, das dem Zuschauer die Sender ins Haus bringt, nun auch Apps zur Verfügung stellt, dann wird sich das Nutzerverhalten ändern. Wenn auf den Smart-TVs jeder seine persönlichen Apps programmieren kann, wird es in wenigen Jahren auf dem Fernseher so aussehen wie auf den Smartphones, es werden die Logos vieler unabhängiger Anbieter zu sehen sein, die zu den unterschiedlichsten Themen Sendungen anbieten. Die Sender müssen sich damit einer weiteren Konkurrenz stellen, die zu ihrer Marginalisierung beitragen wird.

Was bleibt für das lineare Fernsehen?
Natürlich wird es auch im Jahr 2025 noch in vielen Haushalten ein Fernsehgerät geben und es wird auch noch Sender geben, die ihr Programm linear ausstrahlen. Es gibt immer Ereignisse, wie z.B. Fußballspiele, die nur live zu sehen wirklich Sinn machen. Singuläre Ereignisse, deren Reiz in ihrer Visualität besteht, erschaffen Momente, in denen Fernsehen seine Stärken haben wird. So wird das lineare Fernsehen versuchen, sich darauf zu konzentrieren, vor allem auf spannende Live-Berichterstattung und Sportveranstaltungen. Die Rechte an großen Veranstaltungen wie den Olympischen Spielen oder Fußballweltmeisterschaften werden jedoch immer teurer. Die Olympischen Spiele nach 2018 sind in Europa schon an den amerikanischen Konzern Discovery gegangen und werden nicht mehr exklusiv über ARD und ZDF ausgestrahlt werden. Daher kann man annehmen, dass das Fernsehen von 2020 noch mehr von Shows geprägt sein wird als heute bereits. Das klassische Fernsehen hat jahrzehntelang diese Events in Form von Unterhaltungsshows selbst geschaffen und wird versuchen, diese Shows noch weiter zu etablieren. (Siehe dazu auch den Artikel vom 4. November 2016 in der Süddeutschen Zeitung: „Im Fernsehen wird so viel gespielt wie nie zuvor“). Die dann noch bestehenden fiktionalen oder halbfiktionalen Programme werden überwiegend Billigproduktionen sein. Als Beleg dafür nimmt Oliver Schütte das Programm, das RTL heute schon ausstrahlt. Bis auf die amerikanischen Formate zeigt RTL ausschließlich billigst hergestellte Produktionen, bei denen die erzählerische Originalität nicht im Vordergrund steht. Werden ARD und ZDF 2020 ein anderes Programm anbieten? Eher nicht, denn ihre Zuschauer werden weniger und älter. Etwas wird sich allerdings ändern: Die privaten Sender haben sich dem Bundeskartellamt gegenüber verpflichtet, bis 2022 ihre Programme unverschlüsselt – also kostenfrei in der Standardauflösung – zu übertragen. Aber was kommt danach? Die HD Ausstrahlung ist schon heute eine lukrative Einnahmequelle. Dann werden höchstwahrscheinlich auch die privaten Sender zu Pay-TV werden.
Ausblick auf 2020 in Deutschland
Je diversifizierter der Markt sein wird, umso mehr gilt es für neue Anbieter Marken aufzubauen. Worüber kann sich eine Marke definieren? Das geht nur über eigenproduzierte Filme und Serien. Den Spielfilm von vor einem Jahr haben alle im Angebot. Das ist der Grund, warum Netflix und Amazon in eigenproduzierte Programme investieren und weitere Anbieter einsteigen. Ökonomisch und künstlerisch sind dabei Serien im Vorteil. Sie binden den Zuschauer für längere Zeit und können eine Marke aufbauen, die auch für das Marketing besser eingesetzt werden kann. Damit setzt sich das Zeitalter der Serien, das in den USA bereits vor einigen Jahren erfolgreich begonnen hat, fort (in den USA wurden 2015 doppelt so viele Serien produziert wie im Jahr 2009). Serienformate im linearen Fernsehen sind gezwungen, sich in ein festes Sendeschema einzufügen. Jede Folge muss auf die Sekunde genau die gleiche Länge haben. Dies führt dramaturgisch und erzählerisch zu künstlichen Filmen. Mal gilt es die Erzählung mit etwas Unwichtigem auszudehnen, dann wieder ist es notwendig zu streichen. Serien, die abgerufen werden, müssen sich nicht an so strikte Schemata halten. Dies hat weitreichende Folgen für das Geschichtenerzählen. Denn es wird automatisch komplexer. Diese Zunahme an Komplexität lässt sich an inhaltlichen und dramaturgischen Neuerungen festmachen, die die amerikanischen Serien schon heute prägen:

– ein großes Ensemble an Figuren
– ambivalente Figuren
– eine Vielzahl von Handlungssträngen
– Genrevielfalt
– kontroverse Themen, die z.T. im direkten Realitätsbezug aktueller Entwicklungen stehen
– nonlineares Erzählen

Während in den USA seit mehr als 15 Jahren sogenanntes „Quality TV” produziert wird, sind in Deutschland Filme oder Serien, die hier mithalten könnten, sehr sehr selten. Die öffentlich-rechtlichen Sender erklären schon seit Jahren, dass sie auch anspruchsvolle Serien machen wollen. Entscheidend für die Serien in Amerika ist, dass die Autoren bestimmen, was und wie erzählt wird. Hierzulande beharren die Produzenten und Sendervertreter jedoch immer noch auf ihre Entscheidungshoheit. Sie bestimmen, was gedreht und gezeigt wird, weil sie glauben, dramaturgisch ausgebildeter und kreativer zu sein als die Autoren. Es ist nicht abzusehen, dass sich das System bis 2020 von innen heraus ändern wird und anspruchsvolle, innovative Serien produzieren lässt. Bei den privaten Sendern ist dieser Anspruch gar nicht vorhanden. Die dadurch entstehende Lücke ist eine große Chance für Streamingdienste, die nun auch auf und für den deutschen Markt produzieren werden. Was die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland dringend bräuchten, ist eine auf längere Sicht geplante Qualitätsoffensive, eine Agenda 2025, die die Rahmenbedingungen für nachhaltige und positive Entwicklungen festlegt, vergleichbar der der BBC, die unter dem Titel „Delivering Quality First“ ihre Strategie so beschreibt: „BBC output should be distinctive.The BBC should regularly include output that breaks new ground, develops fresh approaches, sets trends, and takes creative risks, from drama and comedy to entertainment.“

Produzieren für Streamingdienste
Es dauerte bis deutsche Produzenten verstanden, was Netflix und Co. genau suchten. Jedenfalls nicht das, was in den letzten Jahren hierzulande produziert worden ist. Es lohnt sich, nur das anzubieten, was bei ARD und ZDF nicht gewollt ist. Auch wenn sich im Jahr 2020 Netflix und Amazon etabliert haben werden, werden sie in Deutschland nicht zu einem größeren Phänomen geworden sein. Denn jeder Haushalt zahlt in Deutschland mehr als 200,00 Euro pro Jahr an Gebühren für die öffentlich-rechtlichen Sender. Da ist eine zusätzliche Ausgabe von mindestens 100,00 Euro pro Jahr nicht für jeden bezahlbar. Die Schätzungen für 2020 lauten auf 10 Prozent der Haushalte, die einen Streaming- dienst abonniert haben werden. Das bedeutet, jeder Streaminganbieter wird höchstens zwei bis drei deutsche Serien im Jahr produzieren, also wahrscheinlich insgesamt sechs.

Die Zukunft des Kinos
Bei uns in Deutschland kann der Zuschauer einen Film zuerst nur im Kino sehen und erst sechs Monate später über Download-Portale beziehen. In Amerika ist die Frist kürzer und betrug einmal sogar nur 17 Tage. In Deutschland haben wir das Phänomen, dass die meisten Kinofilme von Sendern koproduziert wurden und damit auch fernsehtauglich entwickelt und eben auch im Fernsehen ausgestrahlt werden. Dass mehr Zuschauer dafür ins Kino gehen werden ist unwahrscheinlich. Da in Deutschland die Herstellung und der Verleih von Kinofilmen staatlich gefördert wird, besteht von Seiten der Filmemacher und Produzenten kaum Veränderungsbedarf. Die Gesetze des Marktes sind schon seit Jahrzehnten ausgehebelt. Ein normaler deutscher Film hat sich für die Produzenten schon bei der Fertigstellung wirtschaftlich gerechnet, so Schütte. Es besteht zwar der Ehrgeiz, viele Zuschauer zu generieren, aber nicht unbedingt die wirtschaftliche Notwendigkeit. Kaum ein Film spielt mehr als die Herstellungskosten ein. Darum wird es auch in Zukunft nicht zwingend notwendig sein, den Film gleichzeitig im Kino und bei einem Streamingdienst anzubieten. Streaming-Anbieter werden eine dem Kino untergeordnete Zweitverwertung bleiben. Im Jahr 2020 wird es in Deutschland weiterhin ausgesprochen erfolgreiche Filme geben, die sicherlich weiterhin von männlichen Schauspielstars dominiert werden und sich im Genre auf das erfolgreiche Muster der Komödie verlassen. Kurz und gut: Kino in 2020 wird nicht anders sein als heute.

schütteÜber Oliver Schütte: Nach dem Studium der Theaterwissenschaft, Publizistik und Soziologie arbeitete Oliver Schütte freiberuflich als Drehbuchautor. Zudem war er als Dramaturg tätig, drehte Nachrichtenfilme und leitete in dieser Zeit die Fernsehfachschule für TV-Journalisten, Kameraleute und Cutter in Schwerin. 1995 gründete er die Master School Drehbuch. Parallel begann er eine umfangreiche Lehrtätigkeit im In- und Ausland und war Mitbegründer der Development Agentur Script House. Im Jahr 2000 initiierte er das Scriptforum. 2001 und 2007 nahm er Einladungen als „Writer in-residence“ am Grinnell-College in den USA an. Neben vier Jahren bei der Auswahlkommission des Österreichischen Filminstituts war er Gründungsmitglied der Deutschen Filmakademie. oliverschuette.de

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